Aber das war noch nicht alles. Und als er den Hauptteil seiner Bitterkeit dem Mitgefühl Clerambaults, der ihn zu sprechen ermutigte, anvertraut hatte, kam er zum eigentlichen Grund der Qual, die er und seine Gefährten, schauernd wie ein Geschwür, das man nicht anzusehen wagt, in sich trugen. Aus dem Durcheinander seiner heftigen, dunklen und gequälten Worte erkannte Clerambault, was eigentlich die Seele all dieser jungen Menschen zerstörte. Es war nicht allein ihre vernichtete Jugend, ihr hingeopfertes Leben (obwohl dies schon an sich ein furchtbarer Schmerz war.... Es ist ja sehr leicht für kalte Herzen, für alte Egoisten und vertrocknete Intellektuelle, von oben herab diese Liebe, dies Anklammern an das junge Leben und die Verzweiflung, es zu verlieren, zu verurteilen). Das Allerfurchtbarste aber für sie war, daß sie nicht wußten, wofür sie dieses Leben hingeopfert hatten, und dann der alles vergiftende Verdacht, es sei umsonst vertan. Denn der gemeine Wille nach sinnloser Weltherrschaft irgendeiner Rasse oder nach einem Stück Land an der Grenze zweier Staaten, konnte nicht genug sein, um den Schmerz der Opfer zu mindern. Sie wußten zu gut, daß der Mensch nur ein Fußbreit Erde braucht, um zu sterben, und daß das Blut aller Rassen die gleiche Quelle des Lebens ist, die darein verströmt.
Clerambault, dem das Bewußtsein seiner Pflicht, des weitaus Älteren in der Nähe dieser Jungen, eine ruhige Sicherheit gab, die er sonst für sich allein nicht besaß, sagte ihrem Vertreter, ihrem Boten Worte der Hoffnung und der Tröstung.
„Nein, euer Leiden ist nicht verloren. Es ist zwar die Frucht eines grausamen Irrtums, aber auch der Irrtum ist nicht ohne Sinn. Das Unglück von heute ist der gewaltsame Ausbruch eines Übels, das Europa seit Jahrhunderten zerfrißt, das Übel des Stolzes und der Gier, des gewissenlosen Staatenfanatismusses, der kapitalistischen Pest, jenes lügnerischen Triebwerkes der Zivilisation, das aus Unduldsamkeit, Heuchelei und Gewalttätigkeit zusammengesetzt ist. Jetzt bricht alles zusammen, jetzt ist alles neu aufzubauen. Die Aufgabe ist ungeheuer. Mutlosigkeit ist jetzt nicht erlaubt, denn keiner Generation war ein größeres Werk je zugedacht als der euren. Es handelt sich jetzt darum, klar zu sehen durch das Feuer der Schützengräben und die giftigen Gase, mit denen euch ebenso wie der Feind die Antreiber des Hinterlandes den Blick verwirren. Es handelt sich darum, den wahren Kampf zu erkennen, und der geht nicht gegen ein einzelnes Volk, sondern gegen eine ganze ungesunde Gesellschaft, die auf die Ausbeutung und die Eifersucht der Völker gegründet ist, auf die Knechtung des freien Gewissens unter die Staatsmaschine. Nie hätten die resignierten oder skeptischen Völker diesen wahren Kampf mit solcher tragischen Gewißheit erkannt, ohne die Leiden dieses Krieges, der sie zerwühlt. Nicht, daß ich damit das Leiden segnete — lassen wir diesen Irrtum den Gläubigen der Religionen von einst; wir von heute lieben nicht den Schmerz, wir wollen die Freude. Kommt aber ein Schmerz über uns, so soll er uns wenigstens dienlich sein. Das, was ihr gelitten habt, sollen andere nicht mehr leiden! Deshalb gebt nicht nach. Man hat euch da draußen gelehrt, daß, wenn in der Schlacht einmal Order zum Angriff gegeben ist, es noch gefährlicher ist, zurückzuweichen, als vorzurücken. Seht euch deshalb nicht um, laßt eure Ruinen hinter euch und stürmt nur nach vorwärts, der neuen Welt entgegen.“
Clerambault merkte, wie die Augen seines jungen Zuhörers, während er sprach, zu sagen schienen:
„Mehr! Noch mehr! Gib mir mehr als Hoffnung! Gib mir die Gewißheit, gib mir den nahen, den baldigen Sieg!“
Allen Menschen, selbst den Besten, ist so sehr das Bedürfnis nach Betrogenwerden angeboren; es genügt ihnen nicht, ihr Opfer einem künftigen Ideal zu bringen, sondern sie wollen, daß man ihnen die Verwirklichung dieses Ideals für recht bald verspricht, oder daß die Belohnung dann wenigstens ewig währe, wie die Religionen es verheißen. Jesus fand nur Gläubige, weil man in ihm die Gewißheit eines Sieges in dieser Welt oder in jener andern sah. Wer aber wahr bleiben will, darf niemals einen Sieg versprechen. Er darf nicht die Gefahren außer acht lassen; vielleicht wird das Ziel überhaupt nicht erreicht werden und keinesfalls vor Ablauf längerer Zeit. Den Anhängern scheint natürlich ein solcher Gedankengang niederschmetternd in seinem Pessimismus: der die Lehre aber ausspricht, ist selbst nicht Pessimist. Er hat die Ruhe des Menschen, der nach einem Aufstieg von der Höhe aus die ganze Landschaft umfängt. Sie aber sehen nur den nackten Hang, den sie noch hinaufklimmen müssen. Wie nun kann er ihnen diese Ruhe übermitteln?... Wenn die Schüler die Lehre ihres Meisters schon nicht mit seinen Augen zu sehen vermögen, so können sie doch wenigstens seine Augen selbst sehen, in denen jene Vision widerglänzt, die ihnen noch versagt ist. Sie können daraus die Gewißheit schöpfen, daß er um die Wahrheit wisse (sie glauben es wenigstens...) und von ihrer Unruhe befreit sei.
Diese seelische Sicherheit, diese innere Harmonie, die die Augen Julien Moreaus in denen Clerambaults suchten, besaß Clerambault, der Gequälte und Beunruhigte, nicht!... Aber besaß er sie wirklich nicht?... Wie er, demütig lächelnd, gleichsam um sich zu entschuldigen, Julien ansah... da sah er, daß Julien diese Sicherheit in ihm entdeckt hatte. Und wie man gleichsam mitten aus dem Nebel aufsteigend plötzlich im Lichte ist, fühlte er, daß das Licht in ihm war. Es war in ihn gedrungen, weil er einen andern erleuchten sollte.
§
Erleichtert und erheitert hatte ihn der Unglückliche verlassen. Clerambault blieb zurück, betäubt von einer leisen Trunkenheit. Er schwieg, um das ganz seltsame Glück einer im eigenen Leben unglücklichen Seele zu genießen, die mit einemmal fühlt, daß sie teil hat am Glücke anderer Seelen in Gegenwart oder Zukunft. Alle Wesen erstreben Glück, tiefes Erfühlen, Fülle des Seins, aber diese Begriffe bedeuten nicht für alle das Gleiche. Die einen wollen das Glück als Besitz, für die andern genügt als Besitz schon das bloße Schauen, für andere wieder ist der Glaube schon das wahre Sehen. Und sie alle, die dieser Instinkt verbindet, bilden eine einzige Kette, angefangen von jenen, die nur ihr eigenes Glück suchen, über jene, die es für ihre Familie und ihr Volk suchen, bis auf zu jenen Wesen, die die ganzen Millionen der Menschen, das Glück des Alls umfassen. Wer selbst nicht im Glück lebt, schafft es doch den andern, so wie jetzt Clerambault, und weiß nicht darum; denn die andern sehen schon das Licht auf seiner Stirn, indes seine Augen noch im Schatten sind.
Der Blick des jungen Freundes hatte den armen Clerambault über seinen unbekannten Reichtum belehrt, und dieses Bewußtsein einer göttlichen Botschaft, die ihm auferlegt war, stellte seine verlorene Bindung mit den Menschen wieder her. Sie bekämpften ihn nur, weil er ihr verwegener Pfadfinder war, ihr Christoph Kolumbus, der mitten auf dem öden Ozean im Trotz darauf beharrte, den Weg zur neuen Welt zu finden. Sie beschimpften ihn, aber sie folgten ihm doch. Denn jeder wahre Gedanke, sei er verstanden oder nicht, ist ein ausgesandtes Schiff, das die nachzüglerischen Seelen im Schlepptau mit sich schleift.