Von diesem Tage an wandte er die Augen von der unabänderlichen Tatsache des Krieges und der Toten ab, um sich den Lebenden und der Zukunft, die in unserer Hand ruht, zuzuwenden. Möge die Anziehung derjenigen, die wir verloren haben, noch so mächtig sein und uns schmerzlich locken, zu ihnen hinabzusteigen, so müssen wir uns doch dem gefährlichen Hauch entreißen, der, wie in Rom, von der Gräberstraße aufsteigt. „Vorwärts! Halte dich nicht auf, du hast noch kein Recht, so wie jene zu ruhen! Denn andere bedürfen deiner. Sieh nur auf sie, wie sie gleich den Trümmern der großen Armee sich hinschleppen und in der düsteren Weite den verlorenen Weg suchen.“
Clerambault wurde des düsteren Pessimismus gewahr, der sich dieser jungen Leute nach dem Kriege zu bemächtigen drohte, und diese Erkenntnis quälte ihn. Die moralische Gefahr war groß, aber um sie kümmerte sich die Regierung natürlich am wenigsten. Sie handelte wie die schlechten Kutscher, die mit Peitschenschlägen das Pferd antreiben, um im Galopp über einen steilen Abhang hinaufzukommen. Das Pferd kommt auch wirklich hinauf, aber der Weg ist droben noch nicht zu Ende und das Pferd bricht zusammen. Es ist krumm für sein Leben... Mit welcher Begeisterung waren doch die jungen Menschen in den ersten Monaten des Krieges in den Sturm gerast! Dann war die Leidenschaft verraucht, aber das Tier blieb angeschirrt und von der Deichsel aufrecht gehalten; man peitschte rings um das müde Wesen eine künstliche Erregung auf, man mischte wundervolle Hoffnungen in sein tägliches Futter und, ob auch der Alkohol der Betäubung darin jeden Tag mehr verdunstete, so konnte es doch nicht zusammenbrechen. Und das gequälte Tier beklagte sich nicht einmal, ihm fehlte die Kraft zu denken. Und worüber und bei wem hätte es sich beklagen sollen? Es gab eine stillschweigende Vereinbarung gegen alle diese armen Opfer, nicht auf sie zu hören, sich taub zu stellen und zu lügen.
Aber Tag für Tag warf die rücklaufende Flut der Schlachten ihre Trümmer auf den Sand hin — die Verstümmelten und Verwundeten. Und durch sie kam zum erstenmal das Brausen der Tiefe dieses menschlichen Ozeans ans Licht. Die Unglücklichen, die plötzlich von dem Polypen, dessen Glieder sie bildeten, losgerissen waren, fühlten, daß sie sich im Leeren regten und nichts mehr erfassen konnten, weder ihre Leidenschaft von gestern, noch den Traum der Zukunft. Und voll Angst fragten sie sich, die einen nur dumpf, wenige andre mit einer grausamen Klarheit, wofür sie gelebt hätten, wofür man lebt....
„Da jener, der zerstört wird, leidet, und derjenige, der vernichtet, daran keinen Genuß findet und bald ebenso vernichtet wird, so sage mir, was kein Philosoph zu beantworten weiß, wessen Gefallen, oder wessen Nutzen dient dieses unglückselige Leben des Weltalls, das sich zum Schaden und durch den Tod aller Kreaturen, aus denen es gebildet ist, einzig erhält?“ fragt Leopardi.
§
Es war dringend notwendig, darauf eine Antwort zu geben und für jene einen Sinn des Lebens zu finden. Ein Mann im Alter Clerambaults hat einen Sinn des Lebens nicht so nötig. Er hat schon gelebt, ihm kann es genug sein, sein Gewissen freizumachen: das ist für ihn gleichsam sein öffentliches Testament. Aber für diese jungen Leute, die ihr ganzes Leben noch vor sich haben, kann es nicht genug sein, die Wahrheit auf einem Leichenfelde zu sehen. Wie immer auch die Vergangenheit gewesen sei, für sie zählt doch nur die Zukunft. Ihnen muß man die Trümmer aus dem Wege räumen!
Woran leiden diese jungen Menschen am meisten? An ihrer eigenen Qual? — Nein! Sondern an ihrem Zweifel an dem Glauben, dem sie diese Qual zum Opfer dargebracht haben. (Würde man denn irgendein Bedauern haben, sich für die Frau geopfert zu haben, die man liebt, oder für sein Kind?) Und dieser Zweifel vergiftet sie, er nimmt ihnen die Kraft, auf ihrem Weg weiter fortzuschreiten, weil sie fürchten, an seinem Ausgang die Verzweiflung zu finden. Deshalb ruft man euch ja zu: „Hütet euch, das Ideal des Vaterlandes zu erschüttern! Trachtet lieber, es wiederherzustellen.“ Welch ein Hohn! Kann man denn wirklich durch seinen Willen einen Glauben wiederherstellen, den man einmal verloren hat? Man kann sich höchstens selbst belügen, und das weiß man in seiner tiefsten Seele. Und gerade dieses uneingestandene Bewußtsein tötet den Mut und die Freude.
So habt den Mut und verwerft den Glauben, an den ihr nicht mehr glaubt! Die Bäume müssen, um neu zu grünen, ihr Herbstlaub abschütteln. So sollt ihr aus euren verlorenen Illusionen, wie die Bauern aus dem welken Laub, ein Feuer machen, dann wird das neue Grün, der neue Glaube nur schöner aufwachsen. Denn der neue Glaube kann warten. Die Natur stirbt nicht, sie verwandelt nur ewig ihre Formen. Laßt doch, wie sie, das abgestorbene Kleid der Vergangenheit hinsinken!
Seht nur recht hin, zieht die Bilanz dieser harten Jahre! Ihr habt gekämpft und für das Vaterland gelitten. Und was habt ihr dabei gewonnen? Ihr habt die Brüderlichkeit der Völker entdeckt, die sich bekämpfen und miteinander leiden. Ist diese Erkenntnis zu teuer bezahlt? Nein, wenn ihr nur euer Herz sprechen laßt, wenn ihr wagt, es dem neuen Glauben aufzutun, der gerade, als ihr es am wenigsten erwartetet, zu euch gekommen ist.
Das Täuschende und Niederdrückende ist, daß der Mensch an sein anfängliches Ziel gebunden bleibt. Glaubt er dann nicht mehr an dieses Ziel, so glaubt er, jetzt sei alles verloren. Nun bringt niemals eine große Tat gerade jene Wirkung hervor, die man von ihr erwartete, und es ist gut so, denn fast immer übertrifft die tatsächliche Wirkung die erwartete und ist ganz anderer Art als sie. Weise sein heißt nicht, mit seiner fertigen Weisheit schon auszuziehen, sondern sie erst unterwegs in Aufrichtigkeit zu entdecken. Wagt es, euch einzugestehen, daß ihr nicht mehr dieselben Menschen seid wie 1914, und wagt es zu sein: Dies wird dann der Hauptgewinn oder vielleicht der einzige Gewinn dieses Krieges sein.... Aber werdet ihr es wirklich wagen? So viele Beweggründe vereinen sich ja, euch zu entmutigen; die Müdigkeit aller dieser Jahre, die alten Gewohnheiten, die Furcht vor der Anstrengung, in das eigene Ich hinabzublicken, das Abgestorbene auszujäten, das Lebendige zu bejahen und dann irgendein abergläubischer Respekt vor dem Alten, die faule Vorliebe für das, was man schon kennt (sei es selbst schlecht, sei es selbst tödlich), das träge Bedürfnis nach billiger Klarheit, das einen lieber ins alte Geleise zurückkehren läßt als neuen selbstgebahnten Wegen entgegengehen. Ist es denn nicht das Ideal der meisten Franzosen von Kindheit an, irgendeinen fertigen Lebensplan in die Hand zu bekommen und ihn nicht mehr zu ändern?... Ach, daß doch wenigstens dieser Krieg, der so viele eurer Heimstätten zerstört hat, euch zwingen würde, aus eurem Schutt herauszutreten, eine neue Heimstatt zu gründen und neue Wahrheiten zu suchen!