Fünfter Teil


They also serve who only stand and wait. Milton

Noch einmal fand er sich in der Einsamkeit wieder. Nun aber schien ihm die Einsamkeit, so wie er sie nie gesehen, schön und still, mit einem gütigen Antlitz, zärtlichen Augen und sanften Händen, die ihre beruhigende Kühle auf seine Stirn legten. Und diesmal wußte er, daß die göttliche Gefährtin ihn erwählt hatte.

Es ist nicht jedermanns Sache, allein zu sein. Viele klagen mit einem geheimen Stolz darüber, es zu sein, und durch Jahrhunderte klingt diese Klage, aber sie beweist, den Klagenden unbewußt, daß sie nicht Erwählte der Einsamkeit waren, nicht ihre Vertrauten. Sie haben nur die erste Tür aufgetan und warten gelangweilt im Vorraum. Doch sie haben nicht die Geduld gehabt zu warten, bis sie an die Reihe kamen, einzutreten, oder ihr Aufbegehren hat sie wieder ausgestoßen. Man dringt nicht in das Herz der Einsamkeit ohne die Gabe der Gnade oder ohne fromm erduldete Prüfung. Es tut not, vor der Türe den Staub des Weges zurückzulassen, die lärmenden Stimmen der Außenwelt, die kleinen eigensüchtigen, eitlen Gedanken, den klagenden Aufruhr enttäuschter Liebe und verwundeten Strebens. Gleich den reinen orphischen Schatten, deren sterbende Stimme uns auf goldenen Täfelchen erhalten blieb, muß man nackt und allein die „dem Kreise der Schmerzen entflohene Seele der eisigen Quelle darbieten, die dem See des Erinnerns entspringt.“

Es ist das Wunder der Auferstehung. Wer seinen sterblichen Leib verläßt und meint, alles verloren zu haben, entdeckt, daß er erst jetzt in sein wahres Wesen tritt. Und nicht nur er selbst, auch die anderen sind ihm nun zurückgegeben, und er sieht, daß er sie bis jetzt noch nie besessen. Draußen im Getümmel konnte er nie über die Köpfe der Nächsten hinwegsehen und selbst dem Nächsten, der, gegen seine Brust gepreßt, ihn fortschob, konnte er nicht lange in die Augen schauen. Es fehlt an Zeit und fehlt an Abstand. Man spürt nur das Zusammenstoßen von Körpern, die sich in ihren gemeinsam enggedrängten Schicksalen zerpressen und die der dichte Strom des Massenschicksals weiterdrängt. Seinen Sohn hatte Clerambault erst erkannt, als er schon tot war. Und die flüchtige Stunde, da er und seine Tochter sich erfühlten, war jene, wo schon alle Bande des verhängnisvollen Wahns vom Übermaß des Schmerzes gelöst waren.

Nun da er auf dem Weg allmählichen Ausschaltens und Auslesens in die Einsamkeit gelangt und, wie man meinen sollte, von der Leidenschaft der Lebendigen abgeschieden war, nun fand er sie alle wieder in einer leuchtenden Vertrautheit. Alle, nicht nur die Seinen, seine Frau, seine Kinder, sondern alle die Wesen, die er bisher irrig mit seiner schönrednerischen Liebe zu umfassen gemeint hatte — alle malten sich auf dem Grunde seiner inneren Dunkelkammer ab. Am nächtigen Strom des Schicksals, der die Menschheit hinreißt, des Schicksals, das er mit ihr selbst verwechselt hatte, schienen ihm die Millionen Kämpfender wie ringende Balken in der Flut, und jeder Mensch war für sich eine Welt von Freude und Leiden, Traum und Bemühung. Und jeder Mensch war auch das Ich. Ich neige mich über ihn und sehe mich selbst. „Ich“ sagen mir seine Augen, „Ich“ sagt mir sein Herz. Ach, wie ich euch jetzt verstehe, wie doch eure Irrtümer die meinen sind. Selbst in der Erbitterung jener, die mich bekämpfen, erkenne ich dich, mein Bruder, ich lasse mich nicht täuschen: ich bin es selbst.

§

Von nun ab begann Clerambault die Menschen nicht mehr mit seinen Augen zu sehen, mit den Augen unter seiner Stirn, sondern mit seinem Herzen. Er sah sie nicht mehr mit seiner Idee als Pazifist, als Tolstoianer (was ja nur wiederum ein anderer Wahn ist), sondern aus dem Denken jedes einzelnen heraus, indem er sich in ihn verwandelte. Und er entdeckte, er durchschaute die Menschen seiner Umgebung, gerade diejenigen, die ihm die feindlichsten waren, die Intellektuellen und die Politiker, er sah ihre Falten, ihre weiß gewordenen Haare, den bitteren Zug um den Mund, ihren gekrümmten Rücken und ihre gebrechlichen Beine, sah, wie sie angespannt, angekrampft waren und jeden Augenblick in Gefahr, zusammenzubrechen.... Wie waren sie doch gealtert in den letzten sechs Monaten! Im Anfang hatte die Kampfbegeisterung sie noch aufgestrafft, aber je länger der Krieg fortdauerte, je mehr (was immer auch für einen Ausgang er nehmen würde) seine ungeheuren Verheerungen zur Gewißheit wurden, desto mehr lastete auf jedem die Trauer um Gefallene und die Furcht, das Wenige, was ihm geblieben war und das für ihn ein Unendliches bedeutete, zu verlieren. Sie taten alles, um ihre Angst nicht zu verraten, mit der äußersten Qual preßten sie die Zähne zusammen, aber selbst bei den Gläubigsten unter ihnen war die Wunde des Zweifels offen.... Freilich, man mußte schweigen! Darüber durfte man nicht sprechen; es aussprechen, hieß sich selbst vernichten.... Clerambault, der sich an Madame Mairet erinnerte, gelobte sich, von Mitleid durchdrungen, zu schweigen. Aber es war schon zu spät, man kannte seine Anschauungen, er war gewissermaßen die lebendige Verneinung, das wandelnde Gewissen. Man haßte ihn, aber Clerambault war ihnen darum nicht mehr böse. Am liebsten hätte er ihnen geholfen, ihre Illusionen wieder neu aufzubauen.