Er nahm seinen Hut und ging weg.

Er trat auf die dunkle Straße, deren Lichter wegen eines Luftangriffalarms abgelöscht waren.

In seinen Gedanken sah er ein feines Knabengesicht voll warmer Blässe, mit schönen, zärtlichen, braunen Augen, gelocktem Haar, belebtem und lachendem Munde, mit klingendem Stimmfall.... Bertin zur Zeit ihrer ersten Begegnung, als sie beide noch siebzehn Jahre alt waren. Und er gedachte ihrer langen, einsamen Nachtwachen, ihrer teuren Vertrautheit, ihrer Gespräche und Träume — denn auch Bertin träumte damals. Trotz all seines praktischen Sinnes, seiner frühreifen Ironie konnte er sich nicht unerfüllbarer Hoffnungen erwehren, nicht der edlen Projekte für eine neue Menschheit. Ach, wie die Zukunft doch ihren Kinderblicken schön erschienen war, und wie bei solchen Visionen in verzückten Augenblicken ihre beiden Herzen sich leidenschaftlich in liebender Freundschaft hingaben!

Und was hatte nun das Leben aus ihnen beiden gemacht! Was für eine hartnäckige Erbitterung, was für ein haßvolles Bestreben Bertins, seine eigenen Träume von einst und den Freund, der ihnen treu geblieben, zu Boden zu stampfen! Und er selbst, Clerambault, der sich vom gleichen mörderischen Sturm hinreißen ließ, und versuchte, Schlag auf Schlag den Gegner blutig zu treffen... der — voll Entsetzen gestand er sich’s ein — im ersten Augenblick, als er vom Tode des einstigen Freundes hörte, eine Art Erleichterung empfunden hatte.... Was für ein Dämon wirkt doch in uns, was für schlechte Instinkte steigen in uns auf?

In diesen Gedanken verloren, hatte er seinen Weg verfehlt. Er bemerkte, daß er in die entgegengesetzte Richtung ging, statt nach Hause. Vom Himmel her, der vom Lichtkeil der Scheinwerfer durchschnitten war, hörte man furchtbare Explosionen. Zeppeline waren über der Stadt. Von den Festungswerken donnerten die Kanonen, Luftkämpfe spielten sich ab. Wofür zerrissen sich denn diese rasenden Völker? Um alle dorthin zu gelangen, wo jetzt Bertin war, in jenes Nichts, das gleichermaßen alle Menschen und alle Vaterländer erwartet, sie und alle anderen, die Revolutionäre, die andere Gewalttätigkeiten vorbereiten, andere mörderische Ideale den bisherigen entgegenstellen, neue Götzen der Schlächterei, die der Mensch sich selbst unablässig erschafft, um seine bösen Instinkte zu adeln.

Mein Gott, fühlen sie denn nicht die Dummheit ihres rasenden Tuns, im Angesicht der Sterbenden, mit deren jedem die ganze Menschheit in den Abgrund stürzt? Wie können Millionen Wesen, die doch nur einen Augenblick zu leben haben, sich so abmühen, diesen Augenblick durch ihren erbitterten und lächerlichen Ideenkampf sich so zur Hölle zu machen? Bettler sind sie alle, die einander für eine Handvoll Kupfermünzen, die man ihnen hinwirft und die überdies falsch sind, gegenseitig erschlagen! Alle sind sie gleicher Weise verurteilte Opfer, und statt sich zusammenzuschließen, kämpfen sie wider einander.... Ach, ihr Unglücklichen, geben wir einander doch den Friedenskuß! Auf jeder Stirn, die an mir vorübergleitet, sehe ich den Schweiß des Todeskampfes....

Aber ein Menschenhaufen, Männer und Weiber, an denen er vorüberkam, brüllte und heulte vor Freude.

„Er fällt! Einer fällt! Die Schweinehunde verbrennen!...“

Und die beutegierigen Vögel wiederum, die da oben schwebten, jauchzten in ihrem Herzen bei jedem Todeswurf, den sie über die Stadt säten. Waren sie nicht wie Gladiatoren, die sich gegenseitig in der Arena die Brust durchstoßen, nur damit ein unsichtbarer Nero zufrieden sei?

Oh, meine armen Brüder in Ketten!