Die jugendliche Inbrunst und die letzten, ein wenig mysteriösen Worte bewegten und erregten Clerambault. Er versuchte, sich das Bildnis seiner Besucherin zu erwecken. Sie war nicht mehr ganz jung gewesen: ziemlich scharfe Züge, dunkle und ernste Augen, die leise aus dem matten Antlitz lächelten. Wo hatte er sie nur schon gesehen? Aber trotz aller inneren Mühe verschwand das Bild immer mehr.

Schon einige Tage später fand er die Fremde in einer Allee des Luxembourggartens einige Schritte vor sich wieder. Sie ging an ihm vorbei, aber er überquerte die Allee, um ihr zu begegnen. Sie blieb stehen, als sie ihn kommen sah. Er dankte ihr und fragte sie, warum sie so rasch fortgegangen sei, ohne sich ihm bekanntzumachen? In diesem Augenblick bemerkte er, daß er sie seit langem kannte. Schon oft war er ihr früher im Luxembourggarten oder den umliegenden Straßen mit einem großen Jungen, offenbar ihrem Sohne, begegnet, und immer, wenn er an ihnen vorbei kam, hatten ihn ihre Blicke mit einem leisen Lächeln vertrauter Ehrfurcht begrüßt und, ohne daß er ihren Namen wußte, ohne daß er jemals mit ihnen ein Wort gewechselt hatte, gehörten sie für ihn zu jenen lieben und vertrauten Schatten, die unser tägliches Leben begleiten, und die wir nicht immer bemerken, solange sie neben uns sind, die uns aber sofort eine Leere fühlen lassen, sobald sie verschwinden. Deshalb übertrug sich unbewußt auch sein Gedanke von der Frau vor ihm auf den jungen Begleiter, der ihm an ihrer Seite fehlte, und er sagte mit einer plötzlichen unvorsichtigen Eingebung (unvorsichtig, denn wer weiß in diesen Zeiten der Trauer jene, die noch in der Welt der Lebendigen sind?):

„War es Ihr Sohn, der an mich geschrieben hat?“ „Ja“, sagte sie, „er liebt Sie sehr. Wir lieben Sie seit langem.“

„Er soll doch zu mir kommen!“

Ein Schatten von Traurigkeit verhüllte das Antlitz der Mutter.

„Er kann ja nicht.“

„Wo ist er denn? An der Front?“

„Nein, hier.“

Nach einem Augenblick des Schweigens fragte Clerambault:

„Ist er verwundet?“