Indessen drängten sich alle um den jungen Kameraden, der, von der zwiefachen Glorie des Schriftstellers und Helden von Sewastopol umgeben, zu ihnen kam. Turgenjew, der „geweint und ‚Hurrah!’ gerufen hatte”, als er die Szenen aus „Sewastopol” gelesen, reichte ihm brüderlich die Hand. Aber die beiden Männer konnten einander nicht verstehen. Wenn auch beide die Welt mit derselben Klarheit des Blickes sahen, so mischten sie doch ihren Bildern die Farbe ihrer feindlichen Seelen bei: der eine beschwingt und voll von Ironie, verliebt und ohne Illusionen, Anbeter der Schönheit; der andere heftig, stolz, von Sittlichkeitsideen zerquält, eines heimlichen Gottes voll.
Was Tolstoi diesen Literaten vor allem nicht verzieh, war, daß sie sich für eine auserwählte Kaste, für den Gipfelpunkt der Menschheit hielten. Der Stolz des großen Herrn und Offiziers gegenüber den bürgerlich freidenkenden Schreibergesellen hatte nicht geringen Anteil an seiner Abneigung[60]. Es war auch ein bezeichnender Zug seiner Natur — er erkannte ihn selbst —, „sich instinktiv gegen alle allgemein anerkannten Grundsätze aufzulehnen”[61]. Ein Mißtrauen gegen die Menschen, eine geheime Verachtung ihrer Vernunft ließen ihn überall den Selbstbetrug oder den Betrug der andern, die Lüge, wittern.
„Er glaubte niemals an die Aufrichtigkeit der Leute. Jede sittliche Begeisterung erschien ihm unecht, und er hatte die Gewohnheit, den Menschen, der, wie es ihm schien, nicht die Wahrheit sprach, mit seinem außergewöhnlich scharfen Blick zu durchbohren...[62]
Wie hörte er zu! Wie betrachtete er den, mit dem er sprach, mit seinen tief in den Höhlen liegenden grauen Augen! Wie ironisch verzogen sich seine Lippen![63]
Turgenjew sagte, daß er nie etwas Unangenehmeres verspürt habe, als diesen durchdringenden Blick, der im Verein mit zwei oder drei Worten einer giftigen Bemerkung imstande war, einen zum Rasen zu bringen”[64].
Von ihrer ersten Begegnung an spielten sich zwischen Tolstoi und Turgenjew heftige Auftritte ab[65]. Wenn sie getrennt waren, beruhigten sie sich und versuchten, einander Gerechtigkeit widerfahren zu lassen. Aber die Zeit bestätigte immer mehr Tolstois Widerwillen gegen seine literarische Umgebung. Er verzieh diesen Künstlern den Widerspruch zwischen ihrer verderbten Lebensführung und ihren sittlichen Forderungen nicht.
„Ich kam zur Überzeugung, daß beinahe alle unmoralische, schlechte, charakterlose Menschen waren, tief unter denen, die ich während meines militärischen Zigeunerlebens getroffen hatte. Und sie waren selbstsicher und zufrieden, wie es eigentlich nur ganz lautere Menschen sein können. Sie ekelten mich an.”[66]
Er trennte sich von ihnen. Trotzdem blieb noch einige Zeit etwas von der materiellen Auffassung ihrer künstlerischen Sendung an ihm haften[67]. Er fand dabei seine Rechnung. Es war eine lohnende Religion; sie verschaffte „Weiber, Geld, Ruhm...”
„Von dieser Religion war ich einer der Hohepriester. Eine angenehme und sehr einträgliche Stellung...”