Peter versank in die Tiefe der Untergrundbahn. Rohe, fiebrig erregte Menge. In einen Block von Menschenleibern eingekeilt, atmete er die schwere Luft, die durch aller Lungen ging; er stand dicht bei der Waggontüre; blicklos waren seine Augen zur schwarzen, dröhnenden Tunnelwölbung gekehrt, unter der die grellblanken Pupillen des Zuges hinglitten. In Peters Innern prallte auch so eine harte, zuckende Helligkeit an schwere Finsternis. Er meinte unter seinem hochgeschlagenen Winterrockkragen zu ersticken; die Arme drückte er dicht an den Leib und hielt die Lippen krampfhaft geschlossen; seine schweißfeuchte Stirn trafen eisige Schauer, wenn bei aufgerissener Türe ein Hauch von draußen eindrang; in dieser Lage wollte er am liebsten nicht mehr atmen, nicht mehr denken, nicht mehr leben. Das Gemüt des Achtzehnjährigen — fast schien er noch ein Kind — war voll dumpfer Verzweiflung. Da oben über ihm, über dieser finsteren Wölbung, über diesem Rattengang, durch den das metallene Ungetüm voll gespenstigen Menschengekribbels dahinschoß — da oben war Paris, war der Schnee, die kalte Januarnacht, der Alpdruck des Lebens und des Sterbens — war der Krieg.
Der Krieg. Seit vier Jahren war er da, hatte sich ins Leben eingefressen. Mit seiner ganzen Schwere hatte er auf Peters Jugend gelastet. Er hatte den Jüngling gerade in der entscheidenden Epoche überfallen, da er durch die Unrast erwachender Sinne erschüttert, tierhafter, blinder, zermalmender Kräfte gewahr wird, der Kräfte des Lebens; des Lebens, das er doch gar nicht verlangt hat. Ist nun so ein Junge, wie es Peter war, von Haus aus zart, ist sein Gemüt so weich und sein Leib so schmächtig, dann packt ihn — ohne daß er sich traut, es wem einzugestehen — ein Ekel, ein Grauen vor dem Schmutz, vor der Gemeinheit, vor dem Blödsinn dieser ewig zeugenden, ewig verschlingenden Natur — vor dieser werfenden Sau, die ihre Jungen frißt . . . In jedem jungen Menschen zwischen dem sechzehnten und dem achtzehnten Lebensjahre regt sich etwas von Hamlets Seele. Wie kann man von ihm Verständnis für den Krieg verlangen! (Eure Sache, Ihr gesetzten Männer!) Er hat schon daran gerade genug, das Leben zu verstehen — und ihm zu verzeihen. Gewöhnlich verkriecht er sich in ein Traumland und ins Reich der Kunst, bis er sich mit der Tatsache seiner Fleischwerdung abgefunden hat, der gefährliche Übergangszustand der Verpuppung glücklich überstanden ist und der Falter ausschlüpfen kann. In jenen wirren Vorfrühlingstagen des Lebens bedarf er so sehr des Friedens und der Sammlung! Aber gerade da holt man ihn aus seinem Schlupfwinkel, entreißt ihn mit roher Gewalt schützendem Dunkel, mit seiner noch so verletzlichen neuen Hülle stößt man ihn an die rauhe Luft, mitten ins harthäutige Menschengeschlecht; dessen Haß und Tollheit soll er sich sofort zu eigen machen, ohne sie zu begreifen; ohne sie zu begreifen, soll er dafür büßen.
Als Achtzehnjähriger war Peter schon assentiert. In einem halben Jahre wird das teure Vaterland sein junges Fleisch brauchen. Der Krieg lechzte darnach. Sechs Monate war noch Schonzeit. Sechs Monate! Wenn man wenigstens bis dahin nicht nachzudenken brauchte! In dieser Unterwelt bleiben! Den grellen Tag nicht mehr sehen müssen! . . . Mit dem hinfliegenden Zuge tauchte er ins Dunkel und schloß die Augen . . . Als er die Augen wieder auftat — stand ein paar Schritte weiter, durch die Körper von zwei fremden Menschen von ihm geschieden, ein junges Mädchen, das eben eingestiegen war. Zuerst erkannte er im Schlagschatten des Hutes nur ihr zartes Profil, dann das Blond einer Locke auf der schmalen Wange, ein Glanzlichtchen auf der lieblichen Biegung dieser Wange, die feine Linie der Nase und der geschürzten Oberlippe, die noch vom raschen Laufe zitterte. Durch die Pforte seiner Augen ging sie ein in sein Herz, trat hinein ganz und gar, und die Pforte schloß sich hinter ihr. Das Lärmen der Außenwelt schwieg. Stille. Friede. Sie war da.
Sie sah nicht nach ihm hin. Sie wußte noch gar nicht, daß er auf der Welt war. Und doch war sie in ihm. Er hielt ihr stummes Bild zärtlich in den Armen und wagte nicht zu atmen, damit sie nicht einmal sein Atem berühre . . .
Bei der nächsten Station kam wilde Bewegung ins Gedränge. Schreiende Leute stürzten in den schon überfüllten Wagen. Peter verspürte den Anprall und tragenden Druck der Menschenwelle. Über dem Tunnel, oben über der großen Stadt, ein dumpfes Krachen. Der Zug fuhr weiter. In diesem Augenblicke rannte in wahnsinniger Angst ein Mensch die Treppe hinunter, indem er die Hände vors Gesicht hielt und — jetzt kollerte er ganz hinunter. Man sah gerade noch, wie ihm Blut zwischen den Fingern floß . . . Dann kam wieder der finstre Tunnel. Im Waggon Schreckensrufe: die Flieger sind da! . . . In der gemeinsamen Gefahr, darin diese gepferchten Leiber zu einem Körper verschmolzen, hatte Peters Hand die Hand ergriffen, die er dicht neben der seinen fühlte. Und wie er die Augen hob, da war es Sie.
Sie machte sich nicht los. Dem Drucke seiner Finger antworteten ihre Finger, erst etwas krampfig und aufgeregt, dann sanft hingegeben, brennend heiß und regungslos. So verharrten ihre Hände im schützenden Dunkel wie zwei Vögelchen, die im selben Neste kauern; und ihr warmes Herzblut floß in einem Strome durch ihre verknüpften Hände. Sie sprachen kein Wort und regten sich nicht. Die Lippen des Burschen streiften beinahe die Locke auf ihrer Wange und ihr Ohrläppchen. Sie blickte ihn nicht an. Zwei Stationen weiter löste sie ihre Hand aus der seinen, die ihr gleich nachgab, schlüpfte leicht durchs Gedränge und war weg, ohne ihn überhaupt angesehn zu haben. Erst als sie verschwunden war, fiel’s ihm ein, ihr zu folgen . . . Zu spät. Der Zug war im Fahren. Bei der nächsten Haltestelle stieg Peter an die Oberwelt. Da war wieder Nachtluft, ein Kitzeln unsichtbaren Schneeflaums und die geängstigte Riesenstadt, die ihre Furcht schon wieder als Abenteuer genoß, während hoch über ihr noch Kriegsvögel schwirrten. Peter aber sah nichts als jene, die in ihm war; er ging heim, Hand in Hand mit der Unbekannten.
Peter Aubier wohnte bei seinen Eltern nächst dem Cluny Platz. Sein Vater war ein höherer Gerichtsbeamter, der sechs Jahre ältere Bruder war bei Kriegsausbruch als Freiwilliger hinausgezogen. Es war eine gute, echt französische Bürgerfamilie, warm fühlende, brave Leute von menschenfreundlichster Gesinnung, die aber nie gewagt hatten, einen selbständigen Gedanken zu fassen. Der Gerichtspräsident Aubier war durch und durch Ehrenmann und hegte eine hohe Auffassung von seinen Standespflichten. Als ärgsten Schimpf hätte er die leiseste Andeutung zurückgewiesen, seine richterlichen Entscheidungen könnten jemals nicht bloß von Recht und Gewissen eingegeben sein. Aber dieses Gewissen hatte noch nie ein Wort gegen die Regierung gesprochen (besser gesagt: geflüstert). Es war von Geburt an amtlich-korrekt. Sein Denken war eine Funktion des Staates, veränderlich, aber immer unanfechtbar. Die bestehenden Gewalten erschienen ihm in gottgewollter Unfehlbarkeit. Dabei bewunderte er aufrichtig die ehernen Charaktere der hohen Richtergestalten vergangener Tage, die so frei und unbeugsam ihre Bahn geschritten waren; vielleicht hielt er sich sogar insgeheim gewissermaßen für deren Geistesverwandten. So war er etwa eine Miniaturausgabe des Michel de l’Hospital, nur daß eben ein Jahrhundert republikanischer Knechtung über ihn weggegangen war. — Frau Aubier war eine musterhafte Christin, wie ihr Gemahl ein musterhafter Republikaner. So wie der sich im besten Glauben, mit dem ehrlichsten Gefühl erfüllter Pflicht, zum Werkzeug gegen jede staatlich nicht patentierte Freiheitsregung gebrauchen ließ, so erhob sie in aller Reinheit ihres Herzens ihre Stimme fromm im Chor der menschenschlächterischen Kriegsgebete, wie sie damals in jedem Lande Europas katholische Priester, protestantische Pastoren, Rabbiner und Popen gen Himmel schickten, in schönem Einklange mit den gutgesinnten Zeitungen und Leuten dieser Epoche. Beide, Vater und Mutter, liebten ihre Kinder abgöttisch, hatten als echte Franzosen eigentlich nur für sie ein ganz tiefes, inniges Gefühl und würden ihnen jedes Opfer gebracht haben, brachten jetzt aber ohne Bedenken eben diese Kinder zum Opfer dar, weil die andern Leute auch so taten. Wem galt dies Opfer? Dem unbekannten Gott. Immer wieder hat Abraham seinen Isaak zum Brandaltar geführt. Und seine berühmt gewordene Narretei gilt der bedauernswerten Menschheit immer noch als Vorbild.