Wie das so oft vorkommt, war in diesem Familienleben zwar die Liebe groß, aber es gab gar keinen vertraulichen Verkehr zwischen Eltern und Kindern. Wie sollte man sich einem andern ganz eröffnen, wenn eine gewisse Scheu einen abhält, sich selber ganz klare Rechenschaft zu geben von dem, was man empfindet? Was immer in einem vorgehen mochte, man wurde das Gefühl nicht los, gewisse Dogmen müßten unangetastet bleiben: war das schon reichlich unbequem, wo die Dogmen brav in säuberlich begrenztem Gebiete verblieben (so stand es im ganzen mit allem, was das Jenseits betraf), was sollte man erst anfangen, wenn dergleichen gar ins Leben eingreifen, es in jeder Hinsicht bestimmen wollte, wie der neumodisch-unkirchliche Dogmenzwang tut? Wie dem Dogma Vaterland entrinnen? Die neue Religion brachte alttestamentarische Zustände wieder. Sie begnügte sich nicht mit bloßem Lippendienst und harmlosen, der Gesundheit zuträglichen oder komischen Übungen, wie Beichte, Fasten am Freitag oder Sonntagsruhe, an denen sich der Witz der „Philosophen“ hatte üben dürfen, nämlich in der guten alten Zeit, da das Volk noch frei war — unter den Königen. Die neue Religion wollte einfach alles für sich, mit weniger gab sie sich nicht zufrieden: den ganzen Menschen, seinen Leib, sein Blut, sein Leben und sein Denken. Vor allem aber sein Blut. Seit den Tagen der mexikanischen Azteken hatte sich keine Gottheit so sattgetrunken an Blut. Dabei täte man diesen Gläubigen bitter Unrecht mit der Annahme, sie litten nicht unter ihren Opfern. Sie litten und glaubten. Ihr meine armen Menschenbrüder, denen Leid ein Beweis göttlicher Nähe ist! . . . Das Ehepaar Aubier litt wie die andern und warf sich in den Staub wie die andern. Aber von einem Halbwüchsigen konnte man wirklich nicht verlangen, daß er den Schrei seines Menschenherzens übertäube, die Stimme seiner Menschensinne und seiner Menschenvernunft. Peter hätte so gern wenigstens genau begriffen, was da so bedrückend auf ihm lag. Wie viele Fragen brannten ihm auf der Zunge, ohne daß er sie aussprechen durfte! Denn als Erstes drängte sich ja der Herzensschrei hervor: „Aber ich glaube ja gar nicht daran!“ Schon das wäre Gotteslästerung gewesen. — Nein, er konnte nicht reden. Wie sie ihn ansehen würden! In starrem Entsetzen, entrüstet, mit Kummer und Scham! Und da er im Alter stand, wo die Seele noch bildsam ist, wo ihre überzarte Membran sich vor jedem Windhauch kräuselt und in Falten legt und, unter so flüchtigen Fingern erschauernd, festere Gestalt annimmt, so war er, ohne gestanden zu haben, doch schon voll Trauer und Scham. Ach, wie felsenfest sie alle daran glaubten! (Aber ob nur alle wirklich daran glaubten?) Wie machte man das? — Er traute sich nicht zu fragen. Als einzig Ungläubiger inmitten einer gläubigen Menge ist man wie einer, dem ein Organ fehlt — ein vielleicht überflüssiges Organ — aber eins, das alle übrigen besitzen; so birgt man denn errötend seine Blöße vor ihren Blicken.
Der einzige, der in diesen Seelennöten der Vertraute des Jungen hätte sein können, war der ältere Bruder. Philipp war für Peter ein Gegenstand jener schwärmerischen Verehrung, mit der Halbwüchsige (ohne sich’s irgend merken zu lassen) zu älteren Brüdern, Schwestern oder fremden Weggenossen aufsehen, ja auch zu Menschen, die ganz flüchtig aufgetaucht und wieder verschwunden sind — weil sie ihnen als reine Verkörperung des Ideals erscheinen, dem sie in Lebens- und Liebesahnung zustreben: in diesem bewundernden Aufblick liegt keusche Glut und dumpferer Drang, der Zukunft will. Der große Bruder hatte diese kindliche Huldigung wohl gemerkt und fühlte sich geschmeichelt. Bis in die letzte Zeit war er stets bemüht gewesen, im Herzen des Jungen zu lesen und das Gelesene schonungsvoll zu deuten: denn trotz seiner kräftigeren Natur war er, wie der Jüngere, aus jenem feinen Stoffe geformt, der die besten Männer noch etwas frauenhaft erscheinen läßt, ohne daß sie sich dessen schämen. Aber da kam der Krieg und riß ihn aus Leben und Arbeit, aus seinen naturwissenschaftlichen Studien, aus seinen Jünglingsträumen und dem innigen Verkehr mit dem jüngeren Bruder. Im hochgespannten Rausch der ersten Kriegstage hatte er alles stehen und liegen lassen und war hinausgestürmt; wie sich ein großer Vogel toll in den Raum wirft, so wollte der reine, heldische Tor mit Schnabel und Fängen der Ära der Kriege ein Ende machen, das Reich des ewigen Friedens aufrichten auf Erden. Seitdem war der große Vogel zwei, drei Mal ins Nest zurückgekehrt; doch waren ihm leider jedesmal wieder ein paar Schwungfedern ausgerupft. So mancher holde Wahn war dahin, aber er konnte sich nicht überwinden, es einzugestehen. Daß er daran geglaubt hatte, war ihm jetzt Scham und Demütigung. Er war dumm genug gewesen, das Leben nicht so zu sehen, wie es ist. Jetzt war er unerbittlich im Bestreben, es allen falschen Zaubers zu entkleiden und doch mit stoischer Kraft zu bejahen, wie immer es sein mochte. Aber er kehrte seine Stacheln nicht nur gegen sich selbst; in seiner Verbitterung verfolgte er seine Illusionen bis ins Herz des Bruders, wo er sie wie alte Bekannte wiederfand. Als er zum ersten Male nach Hause kam, flog ihm Peter mit der ganzen Glut seiner eingemauerten Seele zu, fühlte sich aber sogleich durch die Art und Weise des Heimkehrers schmerzlich abgekühlt; das Wiedersehen war ja gewiß noch sehr herzlich, aber in der Stimme des Bruders lag ein so scharf ironischer Klang! Die Fragen, die sich auf seine Lippen drängten, wurden jäh zurückgescheucht. Philipp sah diese Fragen auftauchen, aber mit einem Blick fegte er sie weg. Nach zwei, drei fruchtlosen Annäherungsversuchen zog Peter die Fühler seines Herzens ein und verkroch sich in sich selbst. Er kannte den Bruder gar nicht wieder. Der andere erkannte den Zustand des Jüngeren nur zu gut. Sah er doch in ihm wieder, was er noch unlängst selber gewesen war und nun nicht mehr zu sein vermochte. Das ließ er ihn büßen. Nachher tat es ihm leid, aber das ließ er sich nicht merken und fing immer wieder an. Beide litten darunter; und da begann das allzu häufige Mißverstehen zu wirken, daß ihr gemeinsames Leid, statt sie einander nahezubringen, sie sich noch ganz entfremdete. Der einzige Unterschied bestand darin, daß der Ältere wußte, wie nah verwandt ihre Qualen waren, während Peter damit ganz allein zu stehen meinte, ohne eine Seele, der er sein Herz erschließen durfte.
Warum wandte er sich denn nicht an seine Altersgenossen, an die Schulkameraden? Hätten denn nicht vor allem diese jungen Leute sich enger zusammenschließen und aneinander eine Stütze finden sollen? Aber das trat durchaus nicht ein. Ein trauriges Verhängnis hielt sie vielmehr völlig zersplittert, in kleine Gruppen verzettelt, und noch innerhalb der letzten Grüppchen verhielt man sich kühl und mißtrauisch. Die gewöhnlichsten Naturen hatten sich mit geschlossenen Augen kopfüber in den Strom der Kriegsbegeisterung gestürzt. Die meisten hielten sich fern davon, fühlten sich mit den vorangegangenen Generationen keineswegs verknüpft, teilten durchaus nicht deren Leidenschaften, weder in Hoffnung noch Haß; sie sahen dem rasenden Geschehen zu, wie Nüchterne dem Treiben Betrunkener. Aber wie sich dagegen wehren? Viele gründeten Zeitschriftchen, deren schwaches Leben nach den ersten Nummern aus Luftmangel erlosch; die Zensur machte nicht viel Federlesens. Frankreichs Geistesleben wurde wie unter der Glocke einer Luftpumpe erstickt. Die Hochstehenden unter diesen Jünglingen fühlten sich zu schwach zur Auflehnung, zu stolz zur Klage und lebten einfach im Gefühle dahin, dem Kriege ans Messer geliefert zu sein. Wie in einem Schlachthause warteten sie, bis sie an der Reihe waren: bis dahin machten sie in all er Stille ihre Beobachtungen und bildeten sich ein Urteil; in ihrem Blick lag etwas Verachtung und viel Ironie. Sie sahen auf die umnachtete Herde herab und stürzten sich, des Widerspruches wegen, in eine übertriebene geistige und künstlerische Verfeinerung ihres Ich, in einen ideal gefärbten Sinnenkult, mit dem die gefährdete Individualität ihr Recht gegen die Übergriffe der menschlichen Gemeinschaft behaupten wollte. Welch Spottgebild einer Gemeinschaft, die sich diesen Jünglingen nur als gemeinschaftlich verübtes oder erduldetes Morden darstellte! Frühreife Erfahrung hatte ihre schönen Träume welk gemacht: sie hatten gesehn, wie solche Träume bei ihren älteren Brüdern greifbare Gestalt annahmen, und sie, die doch nicht daran glaubten, sollten mit ihrem Leben dafür bezahlen! Sie hatten auch zu den Menschen ihres Alters kein rechtes Vertrauen mehr; auch ihr Glaube an die Menschheit im allgemeinen war erschüttert. Zudem konnte einem um diese Zeit Vertrauensseligkeit teuer zu stehen kommen! Jeden Tag hörte man, daß irgend jemandes Gedanken und Privatgespräche von patriotischen Spitzeln verraten wurden, deren Eifer die Regierung ehrte und anfeuerte. Entmutigung, Menschenverachtung, Klugheit und stoisches Gefühl seelischer Einsamkeit bewirkten, daß die jungen Leute sich kaum je aussprachen.
Peter konnte in diesem Kreise nicht den Horatio finden, den solche achtzehnjährige Hamlets immer suchen. Es graute ihm davor, sein Denken der öffentlichen Meinung hinzugeben (diesem öffentlichen Weibe), aber es war ihm umso tieferes Bedürfnis, innige Vereinigung mit frei gewählten Seelen zu suchen. Er war zu warm und weich, um ganz für sich bleiben zu können. Er litt am Leiden der Gesamtheit. Dieser Berg von Qual erdrückte ihn, zumal er seine Masse überschätzte: denn die Menschheit erträgt eben all dies, weil ihr Fell etwas härter gegerbt ist als die neue Haut eines zarten Jünglings. — Aber eines übertrieb und überschätzte er sicher nicht und es drückte ihn schwerer als die Qual der Welt: dies war ihr idiotischer Stumpfsinn.
Leiden und selbst der Tod sind nichts, wenn man weiß wofür. Jedes Opfer ist gut, dessen Warum man begreift. Aber was ist dies Warum? Was ist in Jünglingsaugen der Sinn der Welt und ihrer zerstörenden Umwälzungen? Kann ein gegen sich selber ehrlicher, gesunder Bursche wirklichen Anteil nehmen an der rohen Balgerei der Nationen, die wie blödsinnige Widder mit den Hörnern gegeneinander rennen, hart am Rande des Abgrunds, in den sie alle stürzen werden? Und doch wäre die Straße breit genug für alle. Warum also solch rasende Selbstvernichtung? Warum diese hochmütigen Vaterländer, die Raubstaaten und die Völker, die man morden lehrt wie eine heilige Pflicht? Warum dies allgemeine Gemetzel unter allen Wesen? Diese Welt, die sich selber auffrißt? Warum dies unheimliche Schreckbild einer endlosen Kette des Lebendigen, darin jeder Ring die Zähne in den Nacken des nächsten Ringes einhaut, sich von seinem Fleische nährt, von seinem Tode lebt? Warum der Kampf und warum der Schmerz? Warum der Tod? Warum das Leben? Warum? Warum? . . .
Dies Warum schwieg, als der Junge an jenem Abende heimkam.
Und es war doch nichts anders geworden. Er stand wieder in seinem Zimmer in einem Wirrwarr von Büchern und Papieren. Rings die altbekannten Geräusche. Auf der Straße unten verkündigten Hornsignale das Ende des Fliegeralarms. Von der Treppe her vernahm man das befriedigte Schwatzen der Hausparteien, die aus dem Keller heraufstiegen. Aus dem oberen Stockwerke hörte man das endlose Auf- und Abrennen des rappligen Nachbars, der seit Monaten auf die Rückkehr seines verschollenen Sohnes wartete. — Doch seine gewohnten Sorgen und Ängste — die lauerten nicht mehr im Zimmer. Wird einmal ein unvollkommener Akkord angeschlagen, so klingt er rauh und wirft Unruhe in unsere Seele, bis der eine Ton hinzukommt, der die feindseligen oder kühl fremden Einheiten erst zu einem Ganzen verschmilzt wie gegenseitig unbekannte Gäste, die gewartet haben, bis man sie einander vorstellt. Sofort ist dann das Eis gebrochen, und schöner Einklang strömt von Mensch zu Mensch. Bei Peter hatte die heimliche Berührung einer warmen Hand diese wunderbare Verwandlung bewirkt. Er wußte nicht, woher der neue Zustand kam; jedes Zergliedern lag ihm jetzt ganz fern. Er spürte nur, wie die gewohnte Tücke der Dinge plötzlich besänftigt war. So haben sich etwa stechende Schmerzen in unserem Kopfe auf Stunden häuslich eingerichtet: auf einmal merkt man, der Schmerz ist weg; wo ist er nur hingekommen? Ein Summen in der Schläfe als Nachklang . . . das ist alles. — Auch Peter traute dem ungewohnten Frieden nicht recht. Er wurde den Argwohn nicht los, seine Qual sammle in solcher Atempause nur frische Kräfte, um ihn dann mit verdoppelter Wut anzufallen. So kannte er schon die Ruhepunkte, wie sie die Kunst gewährt. Wenn in unsere Augen göttliches Ebenmaß an Linien und Formen dringt oder im Ohre, in der wollüstigen Tiefe seiner Muschel, mit spielend vielgestaltiger Schönheit die Akkorde gleich Perlenschnüren rollen und sich im Gesetz magischer Zahlen edel verknüpfen, dann kehrt der Friede in uns ein, und wir tauchen tief in die Flut der Freude. Aber dies Strahlende kommt von außen, wie von ferner Sonne, deren Glühen über unendlichen Raum hinweg uns mit Zauberkraft dem Leben hoch entrückt hält. Doch das währt nur eine Weile, und dann sinkt man wieder zurück. In der Kunst kann man die Wirklichkeit nur vorübergehend vergessen. Der verschüchterte Peter war auf eine ähnliche Ernüchterung gefaßt. — Diesmal jedoch kam die Ausstrahlung von innen her. Das Leben blieb ihm dabei völlig gegenwärtig. Aber alles stand in schönem Einklang. Erinnerungen und neue Eindrücke. Sogar tote Dinge, die Papiere und Bücher, die im Zimmer verstreut lagen, bekamen Leben, bekamen eine Wichtigkeit, die sie ganz verloren hatten.
Seit Monaten war seine geistige Entwicklung gehemmt; er war wie ein Bäumchen, das in voller Blütenpracht vom Hauche der „drei Eismänner“ welk geworden ist. Freilich gab es praktische Jungen, welche die neuen Prüfungserleichterungen zugunsten der jüngsten wehrpflichtigen Jahrgänge so tüchtig ausnützten, daß sie, solange die Prüfer mehr als ein Auge zudrücken mußten, Zeugnis über Zeugnis unter Dach brachten. Das war Peters Art nicht. Andrerseits empfand er auch nicht den verzweifelten Wissensdurst anderer junger Leute, die im Angesicht des Todes sich gierig mit Kenntnissen vollpfropfen, zu deren Nachprüfung ihr Leben zu kurz sein wird. Das ständige Gefühl eines grausen Weges ins Leere, ins Nichts, das allenthalben hinter dem tollen, boshaften Trugbilde der Welt verborgen war — das schnitt seinem Wissensdrang die Schwingen durch. Er stürzte sich auf ein Buch, auf einen Gedanken — dann hielt er mutlos inne. Was sollte ihm das? Wozu denn lernen? Wozu inneren Reichtum häufen, wenn man doch alles verlieren, alles lassen soll, wenn einem nichts zu eigen gehört? Tätigkeit und Wissen hatte nur dann einen Sinn, wenn das Leben einen Sinn besaß. Um diesen Sinn des Lebens hatte er mit höchster Anspannung des Geistes, in tiefster Herzenssehnsucht umsonst gerungen. — Und mit einem Schlage hatte sich dieser Sinn des Lebens ganz von selber aufgetan . . . Das Leben hatte einen Sinn . . . Was war das nur? — Als er sich fragte, woher dies innere Lächeln kam, sah er die halb geöffneten Lippen vor sich, auf denen zu ruhen seine Lippen heiß begehrten.