In normalen Zeiten wäre dieser Zauberbann kaum von Dauer gewesen. Der junge Mensch stand ja noch auf einem Punkte der Entwicklung, wo man nur überhaupt Liebe begehrt und sie in jedem Auge findet; das unruhig verlangende Herz flattert wie ein Schmetterling von einer zur andern; es hat keine Eile in seiner Wahl: sein Tag hat erst begonnen. Aber da der Tag so kurz sein sollte, tat doch Eile not.
Die Hast dieses Jungenherzens war umso größer, je mehr es im Rückstande war. Die Großstadt erscheint freilich von weitem als dampfender Schwefelpfuhl der Sinnengier, birgt aber auch unberührte Seelen und kindlich reine Körper. Wieviel Jünglinge und Mädchen wollen die Liebe nicht entwürdigen und treten mit keuschen Sinnen in die Ehe! Selbst in den raffiniertesten Kreisen, wo die Neugier der Nerven vorzeitig gereizt wird, steckt hinter den freien Redensarten so mancher jungen Weltdame oder irgendeines Studenten oft ein nur sehr oberflächliches Wissen um erotische Dinge. Sie haben von allem etwas läuten gehört und gar nichts selber erfahren. Mitten in Paris gibt es Gebiete von geradezu provinzieller Unschuld, gleichsam umhegte Klostergärtchen, quellenhafte Reinheit. Nur seine Literaten bringen Paris in Verruf. Gerade die sittlich Verkommensten sind die angeblich berufenen Wortführer der Stadt. Und dabei weiß ja jeder, wie oft falsche Scham die Lautersten hindert, ihre Reinheit zu bekennen. — Peter kannte die Liebe noch nicht; ohne Widerstand folgte er ihrem ersten Rufe. Sein seelischer Rausch wurde dadurch aufs höchste gesteigert, daß seine Liebe unter den Schwingen des Todesengels geboren war. In jener aufregenden Minute, als sie die Drohung der Bomben über den Köpfen spürten und ihr Herz sich im Anblick des Verstümmelten zusammenkrampfte, da hatte es ihre Finger zueinander gezogen, und mitten im Schauer körperlich empfundener Todesangst war beiden der Trost und Balsam eines unbekannten Freundes zuteil geworden. Was lag nicht alles in diesem flüchtigen Händedruck! Die Männerhand sagte: lehne dich an mich! — Die andere aber überwand mütterlich die eigene Furcht: mein kleiner Junge! Das wurde freilich weder ausgesprochen noch gehört. Aber solch innerliches Flüstern füllt die Seele ganz anders aus als Worte, die nur wie ein Vorhang das wahre Denken unserm Blick entziehen. Peter ließ sich einwiegen von diesen murmelnden Stimmen. Es klang wie das Summen goldgeringelter Bienen im Halbschatten der Seele. Jetzt flossen ihm die Tage wieder traumschwer dahin. Das nackt in Einsamkeit erstarrte Herz ahnte Nestwärme.
In diesen ersten Februartagen überblickte Paris erst die Verwüstungen des letzten Fliegerangriffs und leckte seine Wunden. Die Presse lag im Hundehaus an der Kette und kläffte Rache und Vergeltung. Nach dem Programm des alten Clemenceau (der seinerzeit in seinem Blatte so lange den „Mann in Ketten“ gespielt hatte, bis er alle andern in Ketten schlagen konnte) führte die Regierung Krieg gegen die Franzosen. Es begann die Blütezeit der sensationellen Hochverratsprozesse. Der Anblick eines Elenden, der mit einem blutdürstigen Staatsanwalt um sein armes Leben rang, war ein Hochgenuß für die Pariser Gesellschaft; ihre Theaterleidenschaft schien noch nicht durch vierjährigen Krieg und das Schauspiel der zehn Millionen Toten übersättigt zu sein, die in den Kulissen der Weltbühne zusammengebrochen waren.
Aber der Jüngling wußte nur noch von dem geheimnisvollen Gaste, der jetzt bei ihm weilte. Seltsame Gewalt jener Eindrücke, die Liebe werden! In den tiefsten Grund unseres Wesens sind sie geprägt und doch ohne festen Umriß. Peter hätte weder die Form ihrer Züge, noch die Farbe ihrer Augen oder die Linie ihres Mundes beschreiben können. Nur das Gefühl, das sie in ihm erregt hatte, schwang in ihm nach. Bei jedem Versuche, das Bild bestimmter zu fassen, wurde es entstellt. Es gelang ihm auch nicht, sie in den Straßen von Paris wiederzutreffen. Jeden Augenblick meinte er, sie zu sehen. Da war es ein Lächeln, dort das Licht eines jungen Nackens, ein aufleuchtendes Auge. Schon schlug ihm das Herz. Aber es bestand nicht die geringste Ähnlichkeit zwischen diesen vorüberhuschenden Eindrücken und dem wahren Bilde, das er suchte und das er zu lieben meinte. Er liebte also nicht? Gerade weil er liebte, war es so um ihn bestellt, deshalb sah er sie überall und in allen Gestalten. Denn jedes Lächeln, jedes Licht, jedes Leben — das war Sie! Ein genauer Umriß hätte als Schranke gewirkt. — Und doch will man Umriß und Schranke, um Liebe fassen und halten zu können. Sollte er sie auch nie mehr wiedersehen — er wußte, sie war auf der Welt, war ein Nest für seine Seele, der Hafen im Sturm, das Leuchtfeuer in der Nacht, stella maris. Amor, Gott der Liebe, wache über uns in der Stunde unseres Todes! . . .
Er ging längs der Seine an der Akademie vorüber und warf einen zerstreuten Blick in den Kasten eines der wenigen Händler mit Schmökern und Raritäten, der seinem Platz auf der Kaimauer treu geblieben war. Dort gehen gerade die Stufen zum Pont des Arts hinauf. Da hob er die Augen und sah die, auf die er wartete. Mit einer Zeichenmappe unterm Arm bewegte sie sich die Treppe herunter wie ein zierliches Reh. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, stürzte er ihr entgegen, und während er empor- und sie herabstieg, trafen sich zum ersten Male ihre Blicke und drangen tief ein. Als er sie dicht vor sich sah, blieb er stehen und wurde rot. Überrascht sah sie sein Erröten und errötete auch. Bevor er auch nur Atem geschöpft hatte, war der niedliche Rehschritt vorüber. Als er seiner wieder mächtig wurde und sich umdrehn konnte, verschwand ihr Kleid schon hinter der Ecke des Laubenganges in der Seinestraße. Er machte keinen Versuch, ihr zu folgen. Er stützte sich auf das Geländer der Brückenstiege und fand ihren Blick im fließenden Strome wieder. Da hatte nun sein Herz für lange Nahrung . . . (O du liebe Jugendtorheit!) . . .
Eine Woche später schlenderte er durch den Luxemburg-Park, den die Sonne mit sanftem Gold füllte. Welch strahlend schöner Februar in diesem todestraurigen Jahre! Offenen Auges träumte er vor sich hin und wußte nicht recht, ob er davon träume, was er wirklich um sich sah, oder ob dies Gesehene ein Traumbild war; in sehnsüchtigem Drange, in dumpfem Liebesglück und -leid, schritt er verloren lächelnd dahin und regte unbewußt die Lippen zu abgerissenen Worten: es wurde ein Lied. Er sah zu Boden, in den Sand des Weges; da war ihm wie einem, den der Hauch einer vorüberfliegenden Taube streift: er mußte einem Lächeln begegnet sein. Er drehte sich um und sah, daß sie seinen Weg gekreuzt hatte. Sie war weitergegangen, aber gerade in diesem Augenblicke wandte sie sich lächelnd, um ihm nachzublicken. Da war es vorbei mit seinem Zaudern, er kam auf sie zu und hätte ihr bald beide Hände entgegengestreckt; in seiner Bewegung lag so viel stürmische Jugend und Unschuld, daß auch sie in aller Unschuld wartend stehen blieb. Er bat nicht um Verzeihung für die Freiheit, die er sich herausnahm. Die zwei Leutchen fühlten keinerlei Befangenheit. Es war, wie wenn sie einfach ein begonnenes Gespräch fortsetzen sollten.