Sie holten recht tief Atem, um diese Vorstellung zu verdrängen. Dann zwangen sie sich tapfer (oder sollte man nicht eher sagen „feige“? Wer kann entscheiden, was der wahre Mut ist?), von andern Dingen zu reden, von den Kerzenflammen, die im Wachsduft wie Sterne flimmerten, von der präludierenden Orgelmelodie, vom Mesner, der gerade vorbeiging, von den immer neuen Entdeckungen, die Peter in ihrem Handtäschchen machte, wenn seine neugierigen Finger darin forschten. Mit wahrer Leidenschaft stürzten sie sich auf jede Kleinigkeit, die sie heiter ablenken konnte. Keinem der beiden Kinder fiel es auch nur im Traume ein, sie könnten dem Schicksal, das sie voneinander reißen wollte, irgendwie entrinnen. Statt sich dem Kriege entgegenzustemmen, dem entfesselten Strome eines ganzen Volkes Trotz zu bieten, dürfte man eher versuchen, die Kirche, deren steinerner Panzer sie umgab, aus ihren Grundfesten zu heben. Das einzige Auskunftsmittel war zu vergessen, bis zum letzten Augenblicke zu vergessen und sich insgeheim mit der leisen Hoffnung zu schmeicheln, der letzte Augenblick würde nie kommen. Bis dahin nur glücklich sein!
Als sie plaudernd den Rückweg von der Kirche antraten, verriet ihm der Druck ihres Armes, daß sie noch einen Blick auf die Auslage werfen wollte, an der sie eben vorbeigekommen waren. Ein Schuhgeschäft. Er sah, wie ihr Blick liebkosend ein Paar hoher Schnürstiefelchen umfing.
„Hübsch?“ fragte er.
„Einfach süß!“ sagte sie.
Er lachte über den Ausdruck und sie lachte mit.
„Sind sie nicht zu groß?“
„Nein, gerade recht.“
„Da könnte man sie ja kaufen?“ Sie drückte seinen Arm und zog ihn fort, um sich dem verführerischen Anblick zu entreißen.
„Das ist nur für reiche Leute, ist nicht für uns, ist nicht für uns,“ sang sie nach einer alten Volksweise.
„Warum denn nicht? Aschenbrödel hat auch den schönen Pantoffel angezogen.“