Wenn Lutz ihm Photographien zeigte, die sie in Farben kopieren sollte, flammte er in grimmiger Verachtung auf — (wieviel Spaß machten ihr diese komischen Wutanfälle!) — gegen diese Idioten-Gesichter, diese feierlich grinsenden Klötze. Es schien ihm eine Entweihung, daß Lutzens liebe Augen sich mit diesen Eselsmienen vollsaugen, daß ihre Hände solche Züge wiedergeben sollten. Es war einfach empörend! Da war ihm noch das Kopieren im Museum lieber. Aber damit war es vorbei. Die letzten Museen wurden geschlossen und die Kundschaft verlor jedes Interesse dafür. Weder Madonnen noch Engel regierten die Stunde; jetzt galten nur die rauhen Krieger. Jede Familie hatte den ihren, tot oder noch lebend — öfter aber tot — und wollte seine Züge verewigt sehen. Die Reichsten bestellten Porträts in Farben: diese Arbeit wurde recht gut bezahlt, bot sich aber nur noch selten; man durfte nicht wählerisch sein. In Ermanglung besserer Aufträge blieb nichts anderes übrig, als zu lächerlich niedrigen Preisen sich mit dem Vergrößern von Photographien zu befassen. Die nächste Folge war, daß Lutz jetzt jeder Vorwand fehlte, so lange in der Stadt zu verweilen; sie hatte ja nicht mehr in den Museen zu kopieren, sondern einfach jeden zweiten oder dritten Tag beim Kunsthändler vorzusprechen, um Arbeiten zu übernehmen oder abzuliefern; die Arbeit selbst ließ sich zu Hause machen. Das paßte nun den zwei jungen Leuten ganz und gar nicht. Wie zuvor schlenderten sie ziellos durch die Gassen und konnten sich nicht entschließen, den Weg zur Station einzuschlagen. Da sie müde und vom Nebel durchkältet waren, traten sie in eine Kirche ein; dort setzten sie sich artig in eine Kapellennische und sprachen leise von den kleinen Dingen ihres Alltags; dabei sahen sie in die Glasgemälde der Fenster. Von Zeit zu Zeit wurden sie still, und ihre Seelen, frei vom Joch der Worte (es kam ihnen ja nicht auf den Sinn der Worte an, sondern auf den Lebenshauch darin, der wie die zarte Berührung zitternder Fühlfäden war), ihre Seelen also pflogen dann ernstere, tiefere Zwiesprache. Die traumhafte Farbenherrlichkeit der Glasgemälde, das Düster der Pfeiler, das Gesumme der Litaneien mengten sich in ihre Träumerei, weckten die Vorstellung der Bitternisse des Lebens, die sie vergessen wollten, und flößten tröstliches Heimweh nach dem Unendlichen ein. Obgleich es fast schon elf Uhr vormittags war, erfüllte, wie Öl aus heiligem Kruge, gelbliche Dämmerung das Schiff der Kirche. Aus fernster Höhe floß seltsames Leuchten: dunkler Purpur, ein roter Tropfen im Veilchenblau eines Riesenfensters, undeutliche Gesichter, von schwarzer Metallfassung umrahmt. Das blutfarbene Licht stieß eine Wunde in die hohe Nebelwand. . . Lutz sagte ganz unvermittelt:

„Kommen Sie auch dran?“

Er begriff sogleich, was sie meinte, weil sein Geist in diesem Schweigen derselben düsteren Fährte gefolgt war.

„Ja,“ sagte er. „Aber nicht davon sprechen!“

„Nur eines sagen Sie mir: Wann?“

„In einem halben Jahre.“

Sie seufzte.

„Sie dürfen nicht mehr daran denken. Das nützt ja gar nichts.“

Sie wiederholte:

„Gar nichts.“