Ein alter Herr spazierte langsam an ihnen vorbei. Sie fühlten, wie ihre Körper sich in Liebe zerlösten . . .

Nun war niemand mehr in der Allee. Ein struppiger Spatz badete im Sande. Der Brunnen warf seine hellen Tröpfchen in die Luft. Befangen zögernd wandten sich ihre Gesichter einander zu; kaum aber hatten sich ihre Blicke getroffen, als sie schon wie Vögelchen sich zueinander schwangen; eilig und ängstlich war ihr Kuß, dann flogen sie wieder auseinander. Lutz stand auf und wollte gehen. Er war auch aufgestanden. Sie sagte: „Bleiben Sie!“

Sie wagten nicht mehr, sich anzusehen. Er flüsterte:

„Lutz . . . dies klein bißchen Glück . . . nicht wahr? . . . jetzt haben wir’s!“

Schlechtes Wetter machte den Vesperstunden beim Sperlingsbrunnen ein Ende. Nebel umhüllte die Februarsonne. Aber die in ihren Herzen vermochte er nicht zu ersticken. Ach, das Wetter mochte sein, wie es wollte: kalt oder heiß, regnerisch, windig, mit Schnee oder Sonnenschein! Ihnen würde es gewiß willkommen sein. Jede Witterung kam ihnen besonders günstig vor. Denn solange ein Glück im Sprießen ist, scheint das Heute immer als der schönste Tag.

Der Nebel war ihnen ein lieber Anlaß zu täglichem, stundenlangem Beisammensein. Die Gefahr gesehn zu werden war sehr verringert. — Nun holte er sie schon früh von der Tramway ab und begleitete sie bei ihren Gängen in der Stadt. Er hielt den Rockkragen aufgeschlagen. Sie trug ein Pelzhütchen, und ihr Kinn war tief in ihre Boa vergraben. In den dichten Schleier spannten die geschwungenen Lippen ein winziges Rund. Aber der beste Schleier war ihnen die feucht hüllende Webe des Nebels. Der lag schwer und grau wie Asche, von gelblichem Phosphorlicht durchtastet. Man sah keine zehn Schritt weit. Der Dunst wurde noch dichter, wenn sie durch eine der alten Querstraßen zur Seine heruntergingen. Du lieber Nebel, wohlig kühle Ruhstatt der Träume, dein Eishauch ist nur ein Wonneschauer! Den beiden war darin wie der Mandel in ihrer Fruchthülle, wie dem Flämmchen in einer abgeblendeten Laterne. Peter hielt Lutzens linken Arm dicht an sich gedrückt; sie gingen im gleichen Schritt; sie waren fast gleich groß, Lutz ein bißchen größer; so zwitscherten sie halblaut, fast Wange an Wange; wie gern hätte er auf dem Schleier das betaute Rund ihres Mündchens geküßt!

Das gewöhnliche Ziel ihrer Geschäftsgänge war der Laden des fragwürdigen „Kunst- und Antiquitätenhändlers“, für den sie ihr „Grünzeug“, wie sie sagte, herstellen mußte. Sie hatten es nie sehr eilig mit dem Hinkommen und, angeblich nur durch Zufall gerieten sie immer auf die längsten Umwege und dann mußte der Nebel schuld sein. Wenn trotz allem das Ziel schließlich doch in greifbarer Nähe erschien, blieb Peter zurück, Lutz trat in den Laden. Er wartete an der nächsten Ecke. Er mußte lange warten und die Kälte war recht empfindlich. Aber er war selig, um ihretwillen warten, frieren und sich langweilen zu dürfen. Endlich kam sie wieder heraus, lief lächelnd herbei und fragte mitleidig und besorgt, ob er denn nicht schon ein Eiszapfen war, der Arme! Er las es ihr jedesmal von den Augen ab, wenn sie beim Trödler Glück gehabt hatte, und dann freute er sich, wie wenn er den Gewinn eingeheimst hätte. Aber meistens kam sie mit leeren Händen wieder; sie mußte zwei, drei Mal hingehen, ehe sie zu ihrem bißchen Gelde kam. Dabei konnte sie noch von Glück sagen, wenn man die bestellte Arbeit nicht noch mit Grobheiten zurückwies. Heute, zum Beispiel, gab es großes Geschrei wegen einer Miniatur nach der Photographie eines verstorbenen Ehrenmannes, den sie nie gesehn hatte. Die Familie war empört, weil die Haar- und Augenfarbe nicht stimmte. Sie mußte es noch einmal machen. Sie war geneigt, solches Mißgeschick tapfer von der heiteren Seite zu nehmen, und lachte nur darüber. Peter aber lachte nicht. Er war außer sich vor Zorn.

„Solche Trottel! Erztrottel!“