Und horch! Es beginnen die Glocken ihren Gesang, die Lichter flammen wieder auf, die Straßen beleben sich aufs neue! Kein Feind mehr in den Lüften. Paris atmet auf. Der Tod ist von ihm gewichen.
So war ihnen der Samstag vor Palmsonntag herangekommen. Täglich waren sie stundenlang beisammen und suchten dies gar nicht mehr zu verbergen. Sie schuldeten der Welt keine Rechenschaft mehr. Nur noch durch dünne, dem Zerreißen nahe Fäden hingen sie mit der Welt zusammen! — Vor zwei Tagen hatte die deutsche Offensive eingesetzt. In einer Breite von fast hundert Kilometern schäumte die Riesenwoge heran. Ununterbrochene Aufregungen durchbebten die Stadt: — erst flog das Munitionslager Courneuve in die Luft, wobei ganz Paris wie von einem Erdbeben zitterte, dann rissen fortwährende Alarmierungen die Leute aus dem Schlafe und machten sie völlig nervös. Und gar an diesem Samstagmorgen erwachten Leute, die erst spät hatten einschlafen können, im Grollen der geheimnisvollen Kanone, die irgendwo in der Ferne steckte und über den Sommefluß weg, wie von einem anderen Planeten, aufs Geratewohl Tod und Verderben streute. — Die ersten Schüsse hielt man für weitere Fliegerbomben und flüchtete folgsam in die Keller; aber an eine dauernde Gefahr gewöhnt man sich rasch und das Leben stellt sich darauf ein; ja, fast findet es einen Reiz darin, wenn das Unheil nur alle gleich bedroht und seine Wahrscheinlichkeit für den einzelnen nicht zu groß ist. Überhaupt war auch das Wetter gar zu schön; jammerschade, sich lebendig zu begraben: noch vor der Mittagsstunde war alles im Freien; Straßen, Gärten, Café-Terrassen sahen an jenem strahlend schönen, sommerlich heißen Nachmittage ganz festtäglich aus.
An eben diesem Nachmittage wollten Peter und Lutz aus dem Gewühl in den Wald von Chaville flüchten. Seit zehn Tagen lebten sie in einem gespannten Zustande weltentrückter innerer Stille. Tiefer Friede war in ihren Herzen, aber erregtes Zittern in ihren Nerven. In solchen Augenblicken fühlt man sich gleichsam auf einer Insel mitten in rasendem Wirbelstrom: Auge und Ohr sind völlig überwältigt vom Rauschen und Schäumen. Aber wie man die Lider senkt und mit dem Finger das Ohr verschließt und so die Riegel vorgeschoben sind, kehrt mit einem Male tiefe, berauschende Stille in uns ein, Stille reglosen Sommertags, wo hohe Freude, wie ein Vöglein aus laubigem Versteck, ihr frisches Lied in lichten Wellen verrinnen läßt. Du göttlicher, zauberischer Gesang der Freude, seliges Gezwitscher im Dickicht des Lebens! Ich weiß ja — nur einen schmalen Lidspalt muß ich öffnen oder den Finger bloß ein bißchen weniger fest ans Ohr drücken — und Gischt und Brausen des Stroms sind wieder da! Welch schwache Schleuse hält jene fern! Aber gerade dies Wissen um die Gebrechlichkeit der Schleuse läßt die Freude noch höher schwingen: man weiß, sie ist bedroht. Selbst Stille und Frieden bekommen so die innere Spannung der Leidenschaft. Hand in Hand traten sie in den Wald. Vorfrühling steigt einem zu Kopfe wie neuer Wein. Die junge Sonne macht trunken mit ihrem lauteren Rebensaft. Das Licht ist über die noch blattlosen Wälder ausgegossen; durch die nackten Zweige hindurch hält einen das blaue Himmelsauge in Bann und Betäubung . . . Die jungen Leute vermochten kaum ein paar Worte zu wechseln. Die Zunge wollte begonnene Sätze nicht zu Ende sprechen. Ihre Beine waren schlapp und mochten nicht weiter. Im Schweigen des durchsonnten Waldes taumelten sie dahin. Die Erde zog sie an. Sich auf der Straße niederlegen! Auf einer Felge des großen Erdenrades sich mitforttragen lassen! . . .
Sie erkletterten die Böschung jenseits der Straße, drangen ins Unterholz und streckten sich nebeneinander aufs dürre Laub, durch das die ersten Veilchen sproßten. Erster Gesang von Vögeln und das ferne Schnauben der Geschütze mischten sich ins Glockengeläute der Dörfer, das dem morgigen Feste galt. Die leuchtende Luft erbebte von Hoffnung, Glauben, Liebe und Tod. Trotz der Einsamkeit sprachen sie nur mit gedämpfter Stimme. Ihr Herz war so voll: war es Glück? war es Leid? Sie hätten es nicht sagen können. Wie Lutz so reglos dalag und weit offenen Auges in den Himmel starrte, fühlte sie das bittere Weh in sich übermächtig werden, gegen das sie schon den ganzen Tag ankämpfte, um Peter die Freude nicht zu verderben. Der legte seinen Kopf in Lutzens Schoß wie ein Kind, das schlafen will, und an der Wange fühlte er die Wärme ihres Leibes. Wortlos streichelte Lutz Augen, Nase und Lippen des Geliebten. Die lieben vergeistigten Hände, die, wie es im Feenmärchen heißt, an den Fingerspitzen ein Mündchen zu haben schienen! Peters Sinne aber waren eine feingestimmte Harfe und erklangen jedem Gefühl, das in den Fingern der Freundin bebte. Er vernahm ihren Seufzer, ehe sie ihn getan hatte. Lutz war jetzt halb aufgerichtet und vorgeneigt; so klagte sie mit gepreßter Stimme:
„Ach Peterchen!“
Peter sah sie betroffen an.
„Ach Peterchen! Was sind wir denn? . . . Was wollen sie von uns? . . . Was wollen denn wir? . . . Was geht in uns vor? . . . Diese Kanonen, die Vögel, der Krieg, unsere Liebe . . . die Hände da, der Leib, die Augen . . . Wo bin ich denn? . . . und was bin ich denn? . . .“
Peter hatte sie nie in so ratloser Verwirrung gesehen und wollte sie tröstend in die Arme schließen. Aber sie stieß ihn zurück: