„Fang mich!“
Die ganze übrige Zeit spielten sie wie kleine Kinder. Und als sie sich müde getollt hatten, gingen sie mit kurzen Schritten wieder ins Tal hinunter, das wie ein Fruchtkorb bis zum Rande mit den Strahlengarben der sinkenden Sonne angefüllt war. Alles, was ihre Sinne einsogen, schien ihnen neu; ihre zwei Herzen, ihre zwei Körper waren nur noch ein Herz, ein Körper.
Es war eine Zusammenkunft von fünf gleichaltrigen Freunden und Studienkameraden bei einem aus ihrer Mitte; vermöge eines erwachenden Sinnes für seelische Wahlverwandtschaft hatten sie sich gegenüber den anderen zusammengeschlossen. Dabei dachte nicht einer wie der andere. Was immer man von der Gleichförmigkeit der vierzig Millionen Franzosen fabeln mag, in Wirklichkeit gibt es hier soviel Köpfe, soviel Sinne. Wie die französische Ackerkrume war auch das Denken Frankreichs in winzige Parzellen zersplittert. So versuchten auch die fünf Freunde nur, jeder von seinem Fleckchen Land aus, über die trennende Hecke weg Gedanken auszutauschen. Dabei bestärkte sich jeder erst recht in seiner besonderen Denkweise. Immerhin waren sie aber doch alle Freie im Geiste und, wenn auch nicht alle Republikaner, so doch gegen jede geistige und gesellschaftliche Rückkehr zu abgelebten Zuständen.
Jakob See trug die stärkste Kriegsbegeisterung zur Schau. Dieser edel geartete Jude hatte jede Leidenschaft Frankreichs in sich aufgenommen. Durch ganz Europa hin machten so seine Stammesgenossen die Sache und Denkweise ihrer Adoptivvaterländer ganz zu der ihren. Wie immer, wenn sie sich einer Sache annahmen, neigten sie sogar zu einer gewissen Übertreibung. Blick und Stimme des schönen Jungen verrieten ein etwas schweres Pathos, seine regelmäßigen Züge waren wie mit starkem Griffel nachgezogen, seine Meinungen äußerte er mit übergroßer Entschiedenheit und wurde heftig, wenn er auf Widerspruch stieß. Nach ihm handelte es sich um einen Kreuzzug der demokratischen Staaten zur Befreiung aller Völker und zur Ausrottung des Krieges. Ein vierjähriges Schlachten im Namen so menschenfreundlicher Ziele hatte ihn noch keines Besseren belehrt. Er gehörte zu den Menschen, die sich nie von den Tatsachen widerlegen lassen. Er trug doppelten Stolz in sich, den geheimen Stolz auf seine Rasse, deren Wiederaufrichtung er anstrebte, und seinen persönlichen Stolz, der immer recht behalten wollte. Er wollte es um so stärker, je weniger er innerlich seiner Sache sicher war. Unter dem Deckmantel seines aufrichtigen Idealismus entfalteten sich bei ihm höchst anspruchsvoll lange zurückgedämmte Triebe, nämlich Tatendrang und Abenteuerlust, die gleichfalls aus dem Kern seines Wesens stammten.
Anton Naudé war auch für den Krieg. Aber nur, weil er sich nicht anders helfen konnte. Dieses gute, dickliche Bürgerskind mit seinen rosigen Wangen war im Grunde friedfertig und klug; es war etwas kurzatmig und ein zierlich gerolltes R verriet seine Herkunft aus Mittelfrankreich; mit ruhigem Lächeln sah er die redegewandte Begeisterung des Freundes See; er verstand es sogar, diese Begeisterung mit lässig hingeworfenen Wörtchen zu hellen Flammen zu entfachen. Doch fiel es dem dicken Faulpelz nicht im Traume ein, sich selber in diese Flammen zu stürzen. Warum sollte man sich das Für oder Wider einer Sache zu Kopfe steigen lassen, wenn man doch nichts daran ändern konnte? Nur in den Tragödien wird einem immer der heroisch-schwatzhafte Widerstreit von Pflicht und Neigung vorgeführt. Wenn man keine Wahl hat, tut man seine Pflicht, ohne große Worte zu machen. Dadurch wird die Geschichte nicht erbaulicher. Naudé wollte den Krieg weder bewundern noch auf ihn schelten. Sein hausbackener Menschenverstand sagte ihm, wenn der Krieg schon einmal im Gange wäre, wie ein Zug in voller Fahrt, so müßte man eben mitfahren: da wäre weiter nichts zu machen. Diese ganze Fragerei, wer den Krieg verschuldet habe, schien ihm Zeitvergeudung. Wenn er schon in den Krieg mußte, wie bitter wenig nützte ihm dann die Wissenschaft, er hätte nicht in den Krieg müssen, wenn dies und das so und so gekommen wäre — wie es aber nicht gekommen war!
Die Schuldfrage! Für Bernhard Saisset lag hier der Kern des ganzen Problems; leidenschaftlich mühte er sich ab, diesen Schlangenknäuel zu entwirren oder er fuchtelte vielmehr damit über dem Kopf herum wie eine kleine Furie. Er war ein zarter, feiner, von innerer Glut verzehrter Bursche; er war sehr nervös, allzu große geistige Empfänglichkeit brauchte vorzeitig seine Kräfte auf. Er entstammte einer alten republikanischen Familie, deren Glieder die höchsten Würden im Staate bekleidet hatten; gerade darum konnte sich der junge Saisset gar nicht genug tun an linksrevolutionärer Leidenschaft. Er hatte die maßgebenden Männer und ihren Anhang gar zu nahe gesehen. Er klagte alle Regierungen an — vor allem aber die seines eigenen Landes. Er redete jetzt nur noch von den Bolschewiken und Kommunisten; von deren Vorhandensein hatte er zwar eben erst Kunde erhalten, aber schon sah er sie als Brüder an, wie wenn er sie von Kindesbeinen an gekannt hätte. Er sah das Heil nur noch in einem allgemeinen Umsturz, über dessen Wesen er sich jedoch selbst nicht recht klar war. Er haßte den Krieg, aber er hätte sich mit Wonne in einem Klassenkriege hingeopfert — in einem Kriege gegen seine eigene Klasse, gegen sich selbst.
Der vierte, Claudius Puget, würdigte diese Wortgefechte nur einer kühlen, etwas verächtlichen Aufmerksamkeit. Er stammte aus ärmlichen, kleinbürgerlichen Verhältnissen; ein Schulinspektor hatte gelegentlich einer Dienstreise seine Fähigkeiten „entdeckt“, hatte ihn aus dem Wurzelboden seiner Heimat gerissen; so mußte er vorzeitig die Wärme des Familienlebens entbehren, gewöhnte sich als Stipendiat einer Staatsschule nur immer auf sich selber gestellt zu sein, nur mit sich, aus sich heraus und für sich zu leben. Auf diesem Wege wurde er auch theoretischer Egoist, ein eifriger Zergliederer seines Ich. Da er mit solcher Wollust in die Betrachtung dieses Selbst vertieft war wie eine behaglich eingerollte Katze, ließ ihn das aufgeregte Wesen der anderen ganz kalt. Die drei disputierenden Freunde hatten sich, wie er meinte, gegenseitig nichts vorzuwerfen; alle drei gehörten sie zur großen Herde. Gaben sie nicht ihr bestes Vorrecht auf, indem sie durchaus an Massenbewegungen teilhaben wollten? Freilich hielt es jeder mit einer andern Masse. Aber für Puget war jede Masse im Unrecht. Die Masse war der eigentliche Feind. Der Geist soll abseits bleiben und fern von Pöbel und Staat das kleine, streng abgeschlossene Reich des Gedankens aufrichten.
Peter aber saß beim Fenster, sah zerstreut hinaus, träumte vor sich hin. Sonst hatte er mit leidenschaftlichem Eifer an diesen Wortgefechten teilgenommen. Aber heute war es ihm nur ein leeres Wortgeklingel, das so fern herübertönte; es kam ihm komisch und langweilig vor; er wäre bald eingeschlafen. Die anderen waren so vertieft, daß sie sein Schweigen erst nach geraumer Zeit merkten. Aber endlich rief ihn Saisset doch an, weil er bei ihm gewöhnlich für sein bolschewistisches Gerede Widerhall fand.