„Das Leben dauert auch nicht länger,“ sagte Peter.
In der Osterwoche waren sie wieder täglich beisammen. Peter besuchte Lutz in ihrem einsamen Häuschen. Das dürftige Gärtlein war im Erwachen. Dort verbrachten sie die Nachmittage. Sie empfanden jetzt einen Widerwillen gegenüber Paris und der Menge, gegenüber dem Leben. Manchmal saßen sie wie in seelischer Lähmung schweigend nebeneinander und mochten sich nicht rühren. Ein absonderliches Gefühl hatte Macht über sie gewonnen. Sie hatten Angst. Diese Angst wuchs, je näher der Tag heranrückte, an dem sie sich einander schenken wollten — dieses Angstgefühl entstammte einer zum höchsten Grad gesteigerten Liebe, einer völlig rein gewordenen Seele, der das Häßliche, Grausame, Schimpfliche des Lebens ein solches Grauen einflößt, daß sie im Rausch ihrer schwermütigen Leidenschaft davon träumt, sich von all diesem Niedrigen freizumachen. Sie sprachen nicht darüber.
Ihre liebste Beschäftigung war, sich in hellen Farben auszumalen, wie ihre Wohnung aussehen sollte, wie sie miteinander arbeiten und ihren kleinen Haushalt führen wollten. Sie einigten sich über die geringsten Einzelheiten ihrer Einrichtung, über die Art der Tapeten, der Möbel, und wie die aufgestellt werden sollten. Als echte Frau bekam Lutz Tränen in die Augen, wenn liebe Kleinigkeiten erwähnt wurden, an die sich Vorstellungen eines innigen, beseelten Zusammenlebens knüpften. Sie kosteten die zarten, kleinen Freuden künftiger Häuslichkeit in der Vorstellung aus. Dabei wußten sie ganz genau, nichts von all dem würde je verwirklicht werden, — Peter ahnte es in angeborenem Pessimismus, — Lutz aber wurde durch ihre Liebe so klarsichtig, daß sie die Unmöglichkeit einer Heirat erkannte . . . Deshalb wollten sie dieses Glück rasch wenigstens im Traume genießen. Die Überzeugung, daß es ein Traum bleiben müsse, verbarg einer vor dem anderen. Jeder meinte da ein tiefes Geheimnis zu bewahren und mühte sich in zärtlicher Sorge, den anderen in der süßen Täuschung zu erhalten.
Wenn sie den schmerzlichen Vorgenuß unmöglicher Zukunft durchgekostet hatten, befiel sie eine Ermattung, wie wenn sie ihr wirkliches Leben schon gelebt hätten. Dann saßen sie still in der Laube mit den dürren Kletterranken, deren erstarrte Säfte die neue Sonne wieder quellen ließ; Peters Kopf ruhte an Lutzens Schulter, und so lauschten sie verträumt dem Gesumm der erwachenden Erde. Hinter den treibenden Wolken spielte die kindliche Märzensonne Verstecken, lachte auf — und war schon wieder weg. Heller Strahl und düstre Schatten glitten über die Fläche, wie durch die Seele Lust und Leid.
„Lutz,“ sagte Peter plötzlich, „weißt du noch? . . . Es ist lange, lange her . . . Aber es war schon einmal so mit uns. . .“
„Ja,“ sagte Lutz, „das ist wahr. Ich erkenne alles wieder, alles . . . Aber wo waren wir damals?“
Es war ihnen eine Freude, darüber nachzudenken, in welcher Gestalt sie einander schon gekannt haben mochten. Schon als Menschen? Vielleicht. Dann war aber bestimmt Peter das Mädchen und Lutz der Bursch . . . Als Vöglein in den Lüften? Als Lutz noch ein Kind war, sagte ihre Mutter immer, sie sei als kleine Wildgans durch den Kamin in’s Haus gefallen: ach! wie hatte sie sich die Flügel geknickt! . . . Mit besonderer Vorliebe aber fanden sie sich in den flüchtigsten Formen der Elemente wieder, wie sie sich durchdringen, sich verschlingen und entrollen, gleich Irrgängen im Traum oder Ringen von Rauch: weißes Gewölk, das im Abgrund des Himmels zergeht, spielende Wellchen, oder Regen, wie er die Erde berührt, Tau im Grase, gefiederte Löwenzahnsamen, die sich von fließenden Lüften tragen lassen . . . Aber der Wind trägt sie fort. Wenn er nur diesmal nicht wieder zu blasen anhebt und sie für alle Ewigkeit auseinandertreibt! . . .
Aber Peter sagte: