Aber Peter sah nicht hin.

Wie sie eintraten, girrte das Täubchen zu ihren Häupten. Letzter Ton von draußen. Das Pariser Stimmengewirr verstummte. Die freie Luft war weg. Teppiche aus Orgeltönen und hochgespanntes Gewölbe, schwere Gewebe aus Klang und Stein, schieden sie von der Außenwelt.

Sie blieben im Nebenschiff, zwischen der zweiten und dritten Seitenkapelle, links vom Eingange, setzten sich auf eine Stufe und schmiegten sich ganz in die Pfeilernische, so daß sie vor den Blicken der Menge geborgen waren. Sie saßen mit dem Rücken zum Chor; wenn sie aufblickten, sahen sie von einer Kapelle nur die Spitze des Altars, das Kreuz und die farbigen Fenster. Wie eine Träne rann die fromme Wehmut uralter Gesänge. In der schwarz verhangenen Kirche saßen die zwei kleinen Heiden Hand in Hand vor ihrem großen Freunde. Und beide flüsterten gleichzeitig die Worte:

„Du großer Freund, in deinem Angesichte nehme ich ihn, nehme ich sie. Füge uns zusammen! Du siehst in unsere Herzen.“

Und ihre Finger blieben vereint, verschlungen wie die Gerten eines Weidenkorbes. Sie waren nur mehr ein Leib, den die Wogen der Musik in Schauern durchdrangen. Sie gaben sich ganz ihren Träumen hin, als ob sie im gleichen Bette lägen.

Lutz sah im Geiste das rothaarige Mägdlein wieder. Und da war es ihr, als ob sie das Kind heute Nacht im Traume erblickt hätte. Aber sie konnte sich nicht darüber klar werden, ob dem wirklich so gewesen war oder ob sie das Bild, das vor ihrem inneren Auge stand, fälschlich in den heutigen Schlaf zurückversetze. Dann wurde sie von dieser Anspannung müde und ließ ihre Gedanken wahllos schweifen.

Peter träumte den entschwundenen Tagen seines kurzen Lebens nach. Die Lerche steigt von nebliger Ebene empor, um die Sonne zu suchen . . . Wie fern die ist! So hoch! Wird man sie je erreichen? . . . Der Nebel wird noch dichter. Es ist keine Erde, kein Himmel mehr. Und die eigene Kraft erlahmt . . . Gerade rieselte gregorianischer Gesang durch die hohe Wölbung des Chors, da erhebt sich mit einem Male Lerchenjubel, aus dem Nebeldüster taucht das froststarre Körperchen auf und schwingt sich in ein unendliches Meer von Sonne . . .

Der Druck und Gegendruck ihrer Finger erinnerte sie daran, daß sie selbander dahinglitten. Und so fanden sie sich wieder im Dunkel der Kirche, wie sie, eng aneinandergeschmiegt, schönen Gesängen lauschten; ihre Herzen waren eins in Liebe und so standen sie auf der Gipfelhöhe reinster Freude. Und sie begehrten glühend — sie beteten — von dort nicht mehr herab zu müssen. Lutzens leidenschaftlicher Blick umfing gerade wie im Kusse ihren teuren kleinen Gefährten — (fast geschlossenen Auges und mit halb geöffneten Lippen schien er in eine Region überirdischen Glückes entrückt und hob in einem Aufschwung freudigen Dankes das Haupt empor, dem erhabenen Quell der Urkraft zu, den man aus tiefstem Triebe oben suchen muß) — da bemerkte Lutz zu ihrer höchsten Überraschung im goldroten Kapellenfenster das lächelnde Gesichtchen des rothaarigen Kindes. In starrem Erstaunen brachte Lutz kein Wort hervor — da sah sie auch schon, genau wie vordem, daß in das seltsame Antlitz der gleiche Ausdruck von Schreck und Mitleid trat.

Im selben Augenblick bewegte sich der plumpe Pfeiler, an dem sie lehnten; die ganze Kirche zitterte in ihren Grundfesten. Lutzens Herz schlug so laut, daß sie weder den Krach der Explosion, noch das Schreien der Menge hörte; es blieb ihr keine Zeit, Schreck oder Schmerz zu empfinden — so schnell warf sie sich, wie eine Henne vor die Küchlein, schützend über Peter; geschlossenen Auges lächelte der vor Glück. Wie eine Mutter drückte sie mit aller Kraft das teure Haupt an ihren Busen; sie war über ihn gebückt, ihr Mund auf seinem Nacken — so duckten sie sich zusammen.

Mit einem Schlag brach auf die beiden der massige Pfeiler nieder.