„O ja, an dem Tage möchte ich gern mit dir in die Kirche gehen. Ich weiß bestimmt, er nimmt uns freundlich auf. Wir sind uns näher, wenn wir ihm näher sind.“
Sie schweigen . . . Regen. Regen. Regen. Der Regen sinkt nieder, nieder und der Abend auch.
„Morgen um diese Zeit sind wir da unten,“ sagte sie.
Der scharfe Nebelhauch ließ Lutz ein wenig zusammenschauern.
„Ist dir kalt, Schatz?“ fragte er besorgt. Sie erhob sich von der Mauer.
„Nein, nein. Alles ist mir Liebe. Ich liebe Alles, und Alles liebt mich wieder. Der Regen liebt mich und der Wind, der graue Himmel und die Kälte, — und mein kleines Lieb . . .“
Auch am Karfreitag war der Himmel mit langen grauen Schleiern verhangen; aber die Luft war mild und still. Auf den Straßen wurden schon Blumen verkauft — gelbe Narzissen und Nelken. Peter kaufte ein paar und Lutz behielt die Blüten in der Hand. Sie gingen den stillen Goldschmied-Kai entlang und vorbei an der edelragenden Kirche Notre-Dame. In süß gedämpftem Lichte umfing sie die milde, vornehme Schönheit der Altstadt. Als sie den St. Gervas-Platz betraten, flogen Tauben vor ihnen auf. Ihre Blicke folgten den Tauben auf ihrem Kreisflug um die Fassade; ein Vogel ließ sich auf dem Kopf einer Bildsäule nieder. Schon waren sie die Stufen zum Portal hinangestiegen und wollten eintreten; da sah Lutz sich noch einmal um und bemerkte, ein paar Schritte seitwärts, mitten in der Volksmenge, ein etwa zwölfjähriges Mädchen; das rothaarige Kind lehnte mit statuenhaft über den Scheitel erhobenen Armen im Portale und sah die Eintretende an. Auch ihr feines, etwas archaisches Gesichtchen gemahnte an gotische Kirchenstatuetten; rätselhaft war ihr Lächeln, von überzarter Lieblichkeit, voll Geist und Wärme. Lutz lächelte ihr auch zu und wollte Peter auf sie aufmerksam machen. Aber der Blick des kleinen Mädchens glitt jetzt höher hinauf, haftete über Lutzens Kopf und schrak plötzlich zurück; es barg das Gesicht in die Hände und war nicht mehr zu sehn.
„Was hat sie denn?“ fragte Lutz.