»Verzeihen Sie, Elmenreich: Das kann ich Ihnen nicht glauben. Denn ein klein wenig hat Sie sein Thuen und Treiben die ganze Zeit her dennoch interessiert – und wenn er Ihnen so ganz gleichgiltig wäre, hätten Sie es nicht der Mühe wert gefunden, ihm den Streich mit der Zeitung zu spielen –«

Er sah mich überrascht an und begann heftig zu werden. »Wie? So wird das mißverstanden? Und obendrein von Ihnen? Ja, haben Sie denn nicht bemerkt, daß es dieser verdammte Pipin war, um den es sich handelte? Der da vor einer großen Dummheit bewahrt werden mußte? Wenn der Graf auf eigene Faust seine Leiweriam hätte herausgeben wollen, dann hätte ich mich einen blauen Teufel darum gekümmert. Oder wie? Hat er am Ende auch Eindruck auf Sie damit gemacht? Aber das sage ich Ihnen im Voraus: wenn Sie« – er sah mich unter finster zusammengezogenen Brauen böse an – »wenn Sie geneigt sein sollten, für ihn Partei zu ergreifen, so wäre das ein casus belli zwischen uns –«

»Sie fordern also, daß man sich Ihrem Urteil unbedingt unterwirft, blindlings, ohne eigene Meinung –?«

»Herr des Himmels!« brauste er auf, »ich fordere gar nichts! Meinetwegen mag jeder seinen Weg gehen wie er will, und sich das Genick brechen, wenn es ihn freut –«

Er sprang auf, stellte sich ans Fenster und sah in die einbrechende Nacht hinaus.

Nach einigen Minuten kam er zurück und entschuldigte sich. Mit diesem Einwand habe ihn früher schon Pipin zur Raserei gebracht, nun käme ich und wiederhole dieselbe Leier. Ob ich es auch darauf anlege, ihn fühlen zu lassen, daß er der Ueberflüssige sei, der Unnütze und Unausstehliche? Gewiß, er verlange, daß man an ihn glaube; wie anders wäre wohl ein Verhältnis von Person zu Person möglich! »Hol mich Gott, es liegt keine Befriedigung darin, den überflüssigen Warner zu spielen! Oder soll ich etwa auf die Genugthuung warten, daß Pipin in drei, vier Jahren gekrochen kommen und sagen wird: »Hätt' ich Ihnen doch gefolgt, Elmenreich!« Pfui Teufel über dieses Rechtbehalten im Nachhinein! Wenn erst Thatsachen eintreten müssen, und mir Recht geben, damit ein Mensch, dem ich zugethan bin, an mich glaubt! Wenn ich, ich, meine Person, meine Einsicht, ihm nichts gelten, keine Macht haben! Wenn ich meine Bestätigung von den Ereignissen erwarten soll! Aber ich danke für diese Bestätigungen! Wer Recht behält, ist immer unangenehm. Man geht ihm aus dem Weg, diesem beschwerlichen Herrn, der alles besser weiß, man hat keine Freude, wenn man ihn trifft, denn er erinnert einen nur daran, daß man eine Dummheit gemacht hat, daß man unterlegen ist. Und wie die Menschen einmal sind, lassen sie das denjenigen entgelten, der die Veranlassung zu dieser Erinnerung giebt. Da steht er dann, der Ganzgescheite, der Einsichtsprotz, und begreift nicht, warum man ihn meidet, warum er einsam ist! Da steht er draußen und kann zusehen, wie die anderen in warmer Gemeinschaft leben, wie sie leben, leben, während er zusieht, immer zusieht! Und eines Tages weiß er, daß er der Ueberflüssige ist, weil das, was er zu geben hat, keine Macht unter anderen Lebensmächten bedeutet, weil es nur als etwas Störendes und deshalb Feindliches empfunden wird« ...

Da entstand auf dem Gange ein Geräusch.

»Ganz bestimmt, er ist noch nicht fort«, sagte eine weibliche Stimme.

»Aber es ist alles finster bei ihm, seine Fenster sind nicht beleuchtet«, rief Pipins Stimme. Die Thür öffnete sich, ein Lichtstreifen fiel herein.

»Gott sei Dank«, sagte Pipin und faßte mit beiden Händen Elmenreich bei den Rockaufschlägen, als müßte er ihn noch in diesem Augenblick festhalten. »Gott sei Dank! Ich habe noch keinen Atem, so bin ich gerannt. Wenn Sie schon fortgewesen wären, ich weiß nicht, was ich gethan hätte!«