Nicht ohne mißtrauisches Widerstreben ließ er es zu, daß ich seinen Koffer packte; er warf sich mit abgewendetem Gesicht in einen Fauteuil, und blieb sitzen, ohne sich zu rühren, bis ich fertig war und mich neben ihn setzte. Da zündete er sich eine Cigarre an – ein Zeichen, daß das Schlimmste vorüber war. Melancholisch verfolgte er die blauen Ringe, die in der Dämmerung gegen das Fenster hinzogen, wo das Abendrot sie mit violetten Schatten färbte.
»Und so geht ein Jahr nach dem anderen dahin, und ich werde immer ärmer, immer einsamer, immer kahler! Ich strecke meine Hand aus nach Liebe, nach Freundschaft, nach Teilnahme – aber ich ergreife nur faule Früchte, wohin ich lange. Und wenn ich einmal etwas Wertvolles finde – dann muß ich die Hand dennoch leer zurückziehen, weil eine gewandtere und listigere mir zuvorgekommen ist –!«
»Haben Sie denn die Hand ausgestreckt, Elmenreich? Haben Sie nicht vielmehr ein Herz, das Ihnen entgegengetragen wurde, so weit es ein junges Mädchen nur entgegentragen kann, auf das Entschiedenste abgelehnt?«
Elmenreich hatte aber ein anderes Herz gemeint.
Eugenie – pah, das war nichts, worüber ein Mann in seinem Alter nicht hinweg könne. Da spielen die erotischen Anziehungen nicht mehr jene große Rolle, wie es die Frauen voraussetzen; der Ersatz für Liebe ist zu leicht, und man hat sich zu sehr daran gewöhnt, Ersatz zu finden. Aber ein Freund, das Herz eines Mannes, ein Jünglingsherz – das ist das Unersetzliche, der Verlust, für den nichts in der Welt entschädigt. Ueber die Bitterkeit des Altwerdens kann nur eines hinwegtrösten: sich für die jüngere Generation, und wär' es auch nur für einen einzigen Menschen dieser Generation, als notwendig, als unentbehrlich zu fühlen, ihn zu führen, auf ihn den ganzen, unverbrauchten Schatz zu häufen, den man mit sich trägt, das Pfund, mit dem man selbst im Leben nicht gewuchert hat. – Ein hohes und subtiles Kulturproblem liegt in diesem Bunde zwischen zwei Generationen, zwischen der kommenden und der gehenden – –
Als Elmenreich so redete, ließ ich mich verleiten, ein Wort für den Grafen einzulegen. Wenn er diese Verbindung zweier Generationen so hoch einschätze, warum denjenigen unerbittlich zurückstoßen, der alles daran setze, das zerrissene Band wieder zu knüpfen –?
Diesmal aber war Elmenreich nicht in der Stimmung, den Grafen als einen Gegenstand der Unterhaltung zu behandeln.
»Nennen Sie nur den nicht! Erinnern Sie mich nur nicht daran, daß es einmal eine Zeit gegeben hat, in der ich diese sumpfige Gegend für einen Garten hielt, eine Zeit, in der ich mich durch diese Pose von Freundschaft und Hingebung täuschen ließ. Nein, erinnern Sie mich nicht an den! Ich könnte sonst Dinge sagen, die ich nicht sagen will. Wenn ein solcher Mensch große Worte in den Mund nimmt, dann sollten von rechtswegen alle, die es mit den großen Worten ehrlich meinen, sich zusammenthun und ihn aus dem Tempel hinaustreiben –«
»Aber wäre es nicht doch möglich, daß Sie ihn jetzt zu hart beurteilen, Elmenreich?«
»Das würde ich mir nur zur Ehre anrechnen. Nirgends muß man härter sein, als gegenüber den Mißbrauchenden. Das sind die Menschen, die alles entwerten, alles verderben, alles suspekt machen, was die echten Großen hervorbringen – schädliche Insekten sind sie, die das Fleisch der edelsten Früchte fressen und sie wurmstichig, hohl, ungenießbar zurücklassen. Ich, meinesteils, verkehre lieber mit Pfahlbauern und Spießbürgern als mit solchen Falschmünzern des Geistes ... Der Graf existiert nicht mehr für mich, ich habe ihn einfach ausgestrichen aus meinem Leben –«