»Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, fangen Sie nicht wieder damit an! Wie soll denn ein Mensch von meiner Beschaffenheit sich in einen Streit mit Ihnen einlassen, sobald Sie sich auf Ihre überlegene Einsicht und Ihr überlegenes Urteil berufen? Da bin ich ja im vorhinein geschlagen. Sie waren doch sonst so voll Großmut und Wohlwollen gegen mich! Warum wollen Sie mich jetzt ganz vernichten? Sehen Sie, als ich früher davon ging, hatte ich wirklich die Empfindung, daß Sie mich ganz vernichten wollen. Ich war so außer mir, daß ich zu allen bösen Dingen fähig gewesen wäre – nein, fähig war, zu allen bösen Gedanken nämlich. Ich konnte einfach nicht glauben, daß Sie mit Ihrem hohen Verstand und Ihrer Ueberlegenheit im Ernst von mir fordern sollten, ich müßte meine Liebe, mein Alles, den Inhalt meines ganzen künftigen Lebens unter Ihren Schiedsspruch stellen! Was für ein elender Mensch wär ich, wenn mein Herz durch fremde Einflüsterungen irre zu machen wäre in seinem Glauben und Vertrauen –? Nein, nein, das konnten Sie nicht annehmen! Und deshalb fragte ich mich: warum? Warum handelt er so gegen mich? Warum handelt er so gegen sie, die ihm selbst früher nicht gleichgiltig war? Wenn, wenn – o Gott, wie soll ich es Ihnen nur sagen, damit Sie mir wieder verzeihen? – wenn er die ganze Welt nur deshalb für krank und bitter hielte, weil er selbst eine kranke und bittere Seele hat? Wittert er nicht überall unwürdige Hintergedanken, eigennützige Beweggründe? War es nicht genau dasselbe mit dem Grafen und dem Meister? Und – und noch mehr: ist er denn in diesem Fall wirklich unparteiisch? Ist er nicht vielleicht im innersten Grunde seines Herzens, dort wo die Dinge geschehen, von denen wir nichts Genaues wissen, ist er nicht vielleicht doch unbewußt böse auf mich und – auf sie?«
Pipin hielt inne und ließ seinen Kopf auf seine Hände sinken, wie um den Zorn Elmenreichs über sich ergehen zu lassen.
Elmenreich stand unbeweglich. Pipin faßte seine herabhängende Hand. »Ich bin aber schon wieder bei Besinnung. Jetzt weiß ich, daß das Alles undankbare, ungerechte, unsinnige Gedanken waren, wie sie der Schmerz eingiebt! Jetzt bin ich gekommen, um Ihnen alles zu gestehen, um Ihnen alles abzubitten; ich bin gekommen, weil ich es nicht aushielt, auch nur eine Stunde lang ein schlechtes Gefühl gegen Sie auf der Seele zu haben –«
Elmenreich hörte nicht auf ihn. Er drehte Locken in seinen Bart, ganz mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, und führte ein Selbstgespräch in unartikulierten Lauten.
Pipin hielt noch immer seine herabhängende Linke umfaßt. Er schüttelte ihn ungeduldig daran: »Sagen Sie doch etwas! Sagen Sie, daß alles zwischen uns wie früher ist! Was soll ich denn thun, daß Sie mir wieder verzeihen?«
Elmenreich befreite seine Hand und kreuzte seine Arme über der Brust.
»Wenn ein Mensch wie Sie, Pipin, mißtrauisch wird, muß wohl ein arger Fehlgriff in der Behandlung geschehen sein«, sagte er kühl. »Ich hatte gedacht, ich könnte durch mein persönliches Urteil, durch meine Autorität Eindruck auf Sie machen. Da war ich aber gewaltig auf dem Holzweg, wie ich sehe. Also gut, gehen wir einen anderen Weg! Sind Sie gar nicht auf den Gedanken gekommen, Pipin, daß das, was ich als bloße Vermutungen hinstellte, als meine subjektive Meinung über diejenige, die ich nicht nennen will – daß alles das einen realen Hintergrund hat? Daß es Thatsachen giebt, Pipin –«
»Thatsachen?« fragte Pipin mit vibrierender Stimme. »Was wollen Sie damit sagen?«
»Hören Sie mich an, Pipin. Ich wollte Ihnen und mir die Erwähnung dieser Thatsachen ersparen – da Sie aber meiner Unparteilichkeit mißtrauen, muß ich mich rechtfertigen –«
»Nein, um keinen Preis!« rief Pipin heftig, sprang auf und hielt sich die Ohren zu. »Ich will nicht, daß Sie sich rechtfertigen. Lieber Gott, warum wollen Sie mich nicht mehr verstehen? Was würde alles Rechtfertigen nützen, wenn ich keinen Glauben an Sie hätte? Und wozu brauche ich Ihre Rechtfertigung, da ich meinen Glauben an Sie ohnedies wiedergefunden habe –?«