Elmenreich drückte ihn in den Fauteuil zurück.
»Also nicht als meine Rechtfertigung, sondern um Ihnen zu beweisen, daß Ihnen der Glaube eben jenen Possen spielt, den er gewöhnlich aufzuführen pflegt – er ist ein Vogel, der sich gern auf den unrechten Ast setzt. Daher geschieht es, daß Sie dort glauben, wo Sie mißtrauen sollten, und dort mißtrauen, wo Sie glauben sollten –«
Pipin wollte ihn unterbrechen, er wehrte ab.
»Beruhigen Sie sich, liebes Kind, ich bin nicht böse auf Sie«, sagte er mit einer Art Lachen; es war aber in seiner Stimme, wenn auch keine höhnische oder ärgerliche Note, so doch weder Wärme noch Herzlichkeit. »Ich verstehe zu gut, daß Sie nicht anders konnten. Ich hätte Ihnen eben gleich mit Thatsachen statt mit persönlichen Urteilen aufwarten sollen ... Eines Tages also – es ist noch nicht lange her, vierzehn Tage oder so dergleichen – eines Tages verirrte ich mich im Wald. Lassen wir es dahingestellt, ob ich mich ganz zufällig verirrte, oder ob ich die Spur eines Wildes verfolgte, in der Absicht, mir durch Thatsachen Gewißheit zu verschaffen. Es giebt ja bekanntlich Mittel, dem Zufall nachzuhelfen; man muß nur dem Zufall die Hand bieten. Sie sehen, Pipin, ich selbst habe es meinem eigenen Verstand gegenüber nicht anders gemacht, als Sie – ich habe diesem ewigen Besserwisser auch keinen Glauben schenken wollen, bevor ihn die Thatsachen nicht gerechtfertigt hatten. Und nun merken Sie gut auf, Pipin: als ich so durch den Wald irrte, weitab von allen Promenadewegen, wo die schöne Welt mit ihren feinen Schuhen und zarten Füßen lustwandelt, kam ich nach einiger Zeit auf eine kleine versteckte Wiese tief im Wald. Beileibe kein neuer Aussichtspunkt, den man einmal aus Ueberdruß an den bekannten Aussichtspunkten aufsucht, selbst wenn man nur auf einem morastigen Bauernsteig hinkommen kann, sondern eine ganz nichtssagende, langweilige Wiese, umgeben von lauter nichtssagenden, langweiligen Fichtenwipfeln. Das einzige Interessante auf dieser Wiese war ein Heustadel – und Sie werden zugeben, Pipin, daß man hier zu Land nicht eine halbe Stunde über Stock und Stein durch den Wald hinaufzuklettern braucht, um sich den Anblick eines Heustadels zu verschaffen. Für mein Wild aber schien dieser Heustadel eine magische Anziehungskraft zu besitzen; es ging schnurstracks darauf los wie auf ein wohlbekanntes Ziel und verschwand alsbald dahinter. Ich wartete – nichts rührte sich. Mein Wild blieb verschwunden. Während ich nun überlegte, wie ich es wohl anstellen sollte, dem Geheimnisse des Heustadels auf die Spur zu kommen, ohne mein Wild zu verscheuchen, erschien ein zweiter Jäger auf dem Anstand – ein gewandterer und keckerer Jäger, Pipin, einer, der sich besser als wir beide auf die Listen und Finten versteht, mit denen man auf der Jagd sein Glück macht. Und dieser Jäger verschwand gleichfalls, ohne eine Minute zu verlieren, hinter dem Heustadel. Da gab ich es auf, diese interessante Welt von der anderen Seite zu besehen. Wozu auch? Ich wußte jetzt vollkommen genug.«
»Nun, und?« fragte Pipin.
»Und so ging ich wieder den Wald hinunter nach Hause – um eine Illusion ärmer, aber um eine Erfahrung reicher, und so gründlich geheilt, Pipin, daß ich mich wie von einem Alpdruck befreit fühlte.«
Pipin sah ihn erstaunt an. »Sie wollten doch – Sie haben doch gesagt, daß es »Thatsachen« giebt?«
»Noch mehr Thatsachen? Haben Sie nicht genug an dieser einen Thatsache?«
Da brach Pipin in ein lautes herzliches Lachen aus. »Liebster bester Doktor Elmenreich! Und das ist alles? Und deswegen spannen Sie mich auf die Folter? Wie soll ich denn das verstehen? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein?«
»Es scheint, Pipin, ich habe mich nicht deutlich ausgedrückt. Muß ich Ihnen wirklich erst sagen, wer jener Jäger war –?«