»Nein; denn es versteht sich von selbst, daß es Doktor Kranich war –«
»Und sagt Ihnen das nicht genug? Aber natürlich! Sie »glauben« ja auch an Doktor Kranich eher als an mich!«
Pipin wurde wieder sehr ernst. »Mißverstehen Sie mich nicht absichtlich! Ich glaube nicht an Doktor Kranich, aber ich glaube – an Eugenie.« Und mit Lebhaftigkeit fuhr er fort: »Sie sagen, das sei vor vierzehn Tagen gewesen. Nun, bis gestern war Eugenie vollkommen frei, konnte thun und lassen, was ihr beliebte. Sie hatte niemandem ihr Wort gegeben, und niemand hatte ein Recht, ihre Freiheit einzuschränken und ihre Schritte zu bewachen. Wenn Doktor Kranich sie zu etwas verleitet hat, was mißdeutet werden kann, so war das sehr unrecht von ihm; denn er hätte bedenken sollen, daß man es nicht ihm, sondern ihr übelnehmen wird. Nein, ich begreife Sie nicht, Doktor Elmenreich! Hatten Sie denn damals ein Recht, von Eugenie zu fordern, daß sie sich ausschließlich mit Ihnen beschäftigen sollte?«
Elmenreich sah Pipin mit gerunzelter Stirne an.
»Sie glauben also trotz alledem, daß diese junge Dame zur Frau für Sie geeignet ist?«
»Warum sollten mich Dinge, die vorher geschehen sind, irre machen an ihr? Sie hatte die Freiheit der Wahl – sie brauchte sich vorher nicht gebunden zu fühlen. Jetzt hat sie mir ihr Wort gegeben, und an dieses Wort glaube ich. Nichts in der Welt wird meinen Glauben an ihr Wort erschüttern! Wenn es anders wäre, dürft' ich da sagen, daß ich sie liebe?«
Elmenreich antwortete nichts. Er stieß nur einen tiefen, ungeduldigen Seufzer aus, wie ein Mensch, der es aufgiebt, sich mit einem andern zu verständigen.
Es entstand eine lange Pause, eine Pause voll von unausgesprochenen Worten und unauflöslichen Dissonanzen. Etwas Frostiges lag in der Luft, eine Abschiedsstimmung, die nicht allein durch das Unbehagliche, das den letzten Augenblicken vor einer Abreise stets anhaftet, erzeugt war.
Draußen fuhr der Wagen vor's Hausthor. Die Magd kam mit dem Kutscher herein, um den Koffer zu holen. Elmenreich stand auf und verabschiedete sich trocken. Pipin hielt ihn an der Hand fest.
»Und so wollen Sie fortgehen? Ohne ein gutes Wort?« rief er schmerzlich. »Ich habe ein Gefühl, als ob – als ob Sie mir noch so vieles zu sagen hätten!«