»Ein Mensch wie ich kann Sie ja nur langweilen. Ich habe schon zu vieles erlebt; da verändert sich die Perspektive des Lebens. Sie sehen lauter aufsteigende Linien, Linien, die in die Zukunft führen; ich sehe fast nur mehr die absteigenden Linien der Vergangenheit.«

»Erzählen Sie mir davon, von Ihren Erlebnissen, wollen Sie nicht?«

»Erlebnisse! Da stellen Sie sich auch etwas wer weiß wie Interessantes vor, etwas Spannendes, Romanhaftes, Wunderbares. Aber das Leben ist kein interessanter Roman, weiß Gott! ... Wünschen Sie nicht, sie kennen zu lernen, diese trostlose Oede eines Geistes, der ohne Illusionen ist! Sie sind jung und schön, was wissen Sie davon! Mit zwanzig Jahren hat man keinen Grund zu murren. Da hadert man nicht mit dem Leben. Da hat man so viel Zeit vor sich, daß man denkt, es müsse ewig so dauern. Aber dann, wenn noch einmal zwanzig Jahre um sind, wenn die Zeit immer rascher und rascher vergeht, wenn man sie verzweifelt festhalten möchte, um Atem zu schöpfen, um nicht weiter hinabzujagen auf der abschüssigen Bahn; wenn man dasteht wie ein herbstlicher Baum, von dem jeder Tag ein Blatt abreißt, und man muß es so wehrlos geschehen lassen, so ohnmächtig! ......

... Muß man sich nicht zuletzt fragen, wozu man denn lebt, wenn das Aelterwerden nur ein Herabsteigen vom Gipfel des Lebens ist? Alle Gebiete des Denkens hat man durchwandert wie ein Vergnügungsreisender, der kein Daheim besitzt. Man ist überall gewesen, man kennt die ganze Welt, man hat alles hinter sich gelassen, und nun ist man müde und schwindlig, als wäre man die ganze Zeit im Kreis herumgegangen. Ein Ziel, einen Zweck, einen Glauben! Eine spanische Wand, die man vor dieser schwarzen Leere aufstellen kann! Etwas, an das man sein Herz hängen kann! .....

... Wie könnte es anders bei einem Menschen aussehen, der nichts von alledem erreicht hat, was ihm in den Jahren der Hoffnung erstrebenswert schien! Der hundert Anläufe genommen hat und immer auf halbem Wege stehen geblieben ist, weil er an dem Werte des Erstrebten irre wurde. Ja, da liegt's! Nicht irre werden, weder an sich, noch an der »Sache« – das ist die große Tugend, die alle Einseitigkeit, alle Anmaßung, alle Prahlerei der Thatmenschen aufwiegt!«

Das Gesicht des schönen Mädchens blieb unbeweglich wie eine Maske. Nichts in ihren Mienen ließ darauf schließen, daß sie Anteil nahm. Möglicherweise ist es nur diese Unbeweglichkeit ihrer Züge, die ihr etwas Kaltes giebt, etwas Verstecktes und Abweisendes.

Mich aber verdroß es, daß Elmenreich so mit ihr redete. Hatte ich nicht gedacht, daß es besondere Augenblicke sind, in denen seine leidende Seele ihr Schweigen bricht und ihre geheimste Qual offenbart –? Es giebt Dinge, die nur groß sind, solange sie unausgesprochen bleiben. Vielleicht kann man sie einmal im Leben mitteilen, in einer einzigen und unvergleichlichen Stunde, die den Zauber der Stimmung mit sich bringt, jenes geheimnisvolle Medium, in dem allein die Seele einer anderen Seele begegnen kann – –

Und nun vernahm ich die Worte wieder, die einstmals in einer solchen Stunde gesprochen worden sind. Diesmal aber machten sie einen anderen Eindruck auf mich. Lag es an mir, lag es an der Umgebung? Die jungen Damen kicherten, die alten Herren gähnten, und nebenan wurde der Pagat ultimo angesagt.

Als Elmenreich schwieg, sagte Eugenie: »Wie ich Sie beneide um Ihre großen Reisen! Nichts Herrlicheres kann ich mir vorstellen, als –«

»Um meine großen Reisen? Wieso?«