Leipzig 1903
Hermann Seemann Nachfolger
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| Druck der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig |
Neulich einmal waren wir in einer Gesellschaft mit dem Advokaten beisammen, der den Ehescheidungsprozeß Josef Balthasar Stöger's geführt hatte. Natürlich kam das Gespräch gleich auf diesen Fall. Denn in der Welt wurde gerade von nichts anderem geredet – das heißt, in einem jener vielen bürgerlichen Kreise, von denen jeder annimmt, daß er »die Welt« sei. Die Welt also war sehr beschäftigt mit Josef Balthasar Stöger's ehelichen Angelegenheiten. Er selbst hatte sich der Teilnahme wie der Neugier, allen bedauernden Händedrücken und indiskreten Blicken so bald als möglich entzogen und eine Reise um die Erde angetreten.
Man wußte ja längst, daß er von seiner Frau betrogen wurde; vom ersten Tag seiner Ehe an hatte niemand etwas Anderes erwartet. Es war alles gekommen, wie es kommen mußte, mit unfehlbarer Sicherheit und Notwendigkeit. Etwas von einem Naturgesetz lag darin, beinahe etwas Beruhigendes und Befriedigendes. Josef Balthasar Stöger war dazu geboren, betrogen zu werden. Jedermann hatte auch vorausgesetzt, daß er sich mit dieser Thatsache bei Zeiten abgefunden, sich ohne Widerstreben in das Unvermeidliche ergeben habe. Deshalb war an der ganzen Sache nur eines unverständlich: warum er versuchte, sich das Leben zu nehmen, als er an der Untreue seiner Frau nicht mehr zweifeln konnte. Er schoß sich eine Kugel in die Brust, wie um dieses thörichte Herz zu strafen, das ihn so sehr in die Irre geführt hatte. Aber die Kugel war mitleidiger als seine Frau; sie ging an seinem Herzen vorbei, und er mußte weiterleben in all dem Aufsehen, das die Entlarvung und Scheidung mit sich brachte.
Allerdings blieb es nicht unbekannt, daß nicht er es war, der diese Entlarvung herbeigeführt hatte. Seine Mutter und seine verheiratete Schwester, empört nicht minder über seine Langmut wie über das Treiben seiner Frau, waren die Regisseure. Sie hatten es, wie die Welt behauptete, geradezu darauf abgesehen, seine Frau so öffentlich als möglich bloßzustellen, damit er endlich genötigt wäre, Ordnung zu machen, und nicht länger versuchen könnte, die Augen zuzudrücken.
Ja, Josef Balthasar Stöger war ein lässiger Wächter seiner Ehre gewesen – darin lag seine Schuld. Die Untersuchungen der Welt, wie weit auch er für sein eheliches Mißgeschick verantwortlich sei, führten stets zu diesem Ergebnis. Und noch etwas fiel sehr zu seinen Ungunsten in die Wagschale. Er war ein lächerlicher Mensch. Wie konnte ein lächerlicher Mensch die Anmaßung haben, eine so schöne Person zu heiraten und zu glauben, daß er ihr als Mann genügen werde? Ein lächerlicher Mensch sollte niemals heiraten; man kann als Frau allenfalls einen launenhaften, einen treulosen, einen groben, einen tyrannischen Mann ertragen, nur einen lächerlichen nicht.
Als das Gespräch bei dieser These angelangt war, sagte der Advokat zu der Dame, die sie aufstellte:
»Verzeihen Sie, meine Gnädige, was wollen Sie damit sagen, daß er ein »lächerlicher Mensch« war? Worin bestand denn das Lächerliche an ihm, wenn ich fragen darf?«