Als sie schon fast vorüber war, erblickte sie mich. Sie grüßte, zögerte einen Augenblick lang unschlüssig und kam dann auf mich zu.
»Ich bin so müde«, sagte sie. »Würden Sie mir erlauben, daß ich mich einen Augenblick neben Sie setze?« Und in einem trockenen, herrischen Ton gegen ihre Begleiterin gewendet: »Ich bleibe hier, ich bin zu müde, um weiter mitzugehen.«
Die Dame rief über die Achsel ein »Thu, was du willst« her und entfernte sich mit dem amüsanten Würdenträger.
Nach einigen Umschweifen kam Eugenie alsbald auf Elmenreich zu sprechen.
»Was für ein interessanter und ungewöhnlicher Mensch! Er ist ganz anders als die anderen, viel gescheiter, viel überlegener. Durch nichts läßt er sich imponieren; er durchschaut alles. Und er hat etwas so Melancholisches, das ist so interessant. Gewiß hat er viel Unglück erlebt! Hat er nicht? Sie kennen ihn ja schon lange, gnädige Frau?«
Und während ich versuchte, auf dieses offen zur Schau getragene Interesse für Elmenreich einzugehen, empfand ich deutlicher als je, wie wenig ich ihn kenne. Ich kenne alle seine Anschauungen und Meinungen – aber ihn selbst? Sein Leben? Er hat mir zwar viel von seinem Leben erzählt – aber wieviel kann ein Mensch beim besten Willen davon erzählen? Oder gäbe es in Elmenreichs Leben thatsächlich keine Erlebnisse, sondern nur Meinungen und Anschauungen? Nur intellektuelle Begebenheiten?
Und doch schien in der Vorstellung, daß er einen ungewöhnlichen Reichtum von Erlebnissen hinter sich habe, unzählige wunderbare Abenteuer, die Anziehungskraft zu bestehen, die er auf Eugenie ausübte. Seine Art und Weise, sich ablehnend, unerbittlich, steifnackig gegen alle Anerbietungen der Außenwelt zu verhalten, deutete sie als Wirkung einer unvergleichlichen Erfahrenheit und Ueberlegenheit; und es war unschwer zu erkennen, daß der Gedanke, diese vermeintlich so hochfahrende, unbeugsame Seele zu besiegen, einen eigenen Zauber für sie besaß. Besonders, da diese Ueberlegenheit gepaart war mit einem geheimnisvollen Gram. Irgend ein großes Unglück mußte in seinem Leben geschehen sein, davon war sie unerschütterlich überzeugt. Seine Weltverachtung konnte nur durch ungeheure Schicksalsschläge hervorgebracht sein, durch etwas ganz Furchtbares und Gewaltsames. Als Erklärung dafür schien sie die Schändlichkeiten eines weiblichen Wesens zu bevorzugen; am liebsten hätte sie die Geschichte eines frevelhaften Treubruches gehört. So durchdrungen war sie davon, daß sie mich ungläubig anlächelte, als ich sagte, daß es in Elmenreichs Leben keine harten Schicksalsschläge gebe, daß ihn vielmehr das Glück in allen Stücken begünstigt habe. Es sei bloß eine düstere Grundstimmung seines eigenen Innern, an der er leide, ein Hang seines Wesens zu Mißmut und – ich wollte sagen Lebensüberdruß, aber ich brachte dieses Wort nicht über die Lippen. Kann man das innerste Geheimnis eines Menschen mit einer landläufigen Marke stempeln und auf eine Nachfrage hin preisgeben?
Da Eugenie dieses Stocken bemerkte, sagte sie:
»Oh, ich weiß, das sind Dinge, die man nicht mitteilen kann. Aber nichtwahr, diese düstere Grundstimmung hat ihre Ursachen? Sie können es mir unbesorgt anvertrauen, gnädige Frau, ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich es nicht weiter erzählen werde. Aber ich möchte so gerne – glauben Sie nicht auch, daß er noch glücklich werden könnte? Sie sagen ja selbst, daß das Glück ihn im übrigen besonders begünstigt hat. In äußerlichen Dingen liegt also die Veranlassung zu seinem Unglück nicht? Hat er denn überhaupt irgend einen Beruf?«
»Er ist Advokat, aber er übt seine Praxis nicht aus –«