Dr. Kranich hingegen behauptet, der Graf habe dieses Freundschaftsbündnis eigens zu dem Zwecke begonnen »pour épater les bourgeois.« Und diese verrückten Spaziergänge in der Sonnenhitze unternehme er nur, um seinem gebleichten Gesicht wieder ein wenig »spanische Patina« zu geben. Denn seine spanische Abkunft, die ihm ein so interessantes Relief verleiht, sei sehr fragwürdiger Natur; sein Vater habe eine getaufte Jüdin aus Brünn geheiratet um sich »auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege« aus seinen finanziellen Kalamitäten zu ziehen. – Es ist nicht gut, dem schwarzen Panther in die Klauen zu fallen!

Der neue Freund hat aber den alten nicht aus dem Herzen des Grafen verdrängt, ich wette darauf. Seine brennenden Augen gehen noch immer unter halbgeschlossenen Lidern ruhelos herum, bis sie sich plötzlich auf Elmenreich wie auf ein langgesuchtes Ziel richten, mit einem unverständlichen Ausdruck, vielleicht vorwurfsvoll, vielleicht hochmütig herausfordernd. Aber sobald Elmenreich eine Bewegung mit den Brauen macht, als wolle er ohne aufzuschauen diese Blicke von sich abschütteln, ergreifen sie die Flucht, und die langen, bläulichen Lider verschleiern eilends ihr Geheimnis.

Im übrigen benützt der Graf jede Gelegenheit zu kleinen Anknüpfungen mit Elmenreich; er reicht ihm das Salzfaß, die Wasserflasche, den Brotteller, er hebt ihm die Serviette auf, die Elmenreich ein paarmal während jeder Mahlzeit verliert und unter Fluchen auf dem Boden sucht. Man kann dann wohl bemerken, daß er unablässig mit ihm beschäftigt ist, wenn er scheinbar nicht auf ihn achtet. Oft antwortet er auf ein Wort Elmenreichs früher als derjenige, an den es gerichtet war; und während er die ganze Welt mit einer zerstreuten und nachlässigen Geringschätzung überhört und übersieht, hat er immer Aug' und Ohr für alles, was von Elmenreich kommt.

Aber Elmenreich verharrt unstörbar in seiner ablehnenden Kälte; selbst Dr. Kranich, der mit lächelnder Schadenfreude zwischen ihm und dem Grafen stichelt, vermag nicht, ihn zu beirren. Nur unmerklich, gewiß sehr wider seinen Willen, klingen Untertöne in seiner Stimme mit, die auf Uneingestandenes schließen lassen, auf Erschütterungen in der Tiefe. Es ist wie ein Erdbeben, das in einem leisen Zittern bis an die Oberfläche gelangt. Man horcht auf, man stutzt – doch man kann nicht unterscheiden, ob dieses Erzittern wirklich von einem Erdbeben kommt, oder ob bloß der gewöhnliche Tageslärm vorübergehend stärker an den Mauern rüttelt.

Abends ist die Temperatur um einen Grad wärmer. Und je weiter die Zeit fortschreitet, desto mehr scheinen sich die Grenzen zu verwischen. Die Geister phosphoreszieren in ihrer beständigen Reibung, es funkelt von Schwerthieben und Degenstichen, Pfeile fliegen nach verborgenen Zielen, es wird beständig ins Blaue geschossen – »gilt es mir oder gilt es dir?« Aber alle diese Brandraketen gehen unschädlich vorüber. Keiner der Getroffenen meldet sich; denn keiner will der Getroffene sein.

Oder ist es der Alkohol, der die Schärfe der Gegensätze in eine angenehme Wolke einhüllt? Wenn das Bier zu Ende geht und der Weinkeller geschlossen wird, braut Dr. Kranich amerikanische Getränke. Cognac, Rum, Slibowitz, was nur immer an Spirituosen aufzutreiben ist, verarbeitet er je nach der Witterung mit Eis oder mit kochendem Wasser; die letzten Zitronen des Hauses werden ausgepreßt, das letzte Stück Zucker, das die Wirtschafterin vorgegeben hat, muß ausrücken. Es wird spät und immer später; die Kellner lehnen herum und gähnen laut; einer nach dem anderen verschwindet, eine Lampe nach der anderen erlischt, und Pipin, der Zuhörer, macht krampfhafte Anstrengungen, seine lichtblauen Augen offen zu halten.

Um Mitternacht, wenn ich aufbreche, begleitet er mich bis zum Hause; diese Gelegenheit benützt er, um gleichfalls Reißaus zu nehmen. Wann die anderen zu Bett gehen, gehört in das Gebiet der Legende. Der einzige überlebende Kellner vertritt allerdings stets die Ansicht, daß es »nicht sehr spät« war; aber es ist anzunehmen, daß dieses kellnerische Zeitmaß durch die Höhe des Trinkgeldes bestimmt wird. Wenigstens bemerke ich, daß Pipin beim Fortgehen dem Kellner immer etwas in die Hand drückt, worauf dieser auffallend erfrischt mit einer tiefen Verbeugung die Thür hinter uns schließt ...

* * *

Fragmente der Abendgespräche.

Dr. Kranich: »Etwas Neues, etwas Neues! Nur das Neue hat hinreißende Gewalt, nur das Neue begeistert, entzündet die Herzen, erweckt Stärke, Kampfbereitschaft, Siegesgewißheit –«