Elmenreich: »Oder auch das Alte, das für etwas Neues gehalten wird – was auf eins herauskommt. Man kann sagen, daß die Enkel immer den Geschmack und die Gedanken aus der Jugend ihrer Großväter für etwas Neues und Niedagewesenes halten. Nichtsdestoweniger betrachtet jede Generation die Anschauungen, die sie propagiert, als die alleinseligmachenden, als einen ungeheuren und epochalen Fortschritt. Und die jungen Menschen sind so kampfbereit und siegesgewiß, weil sie in aller Borniertheit glauben, daß sie das »Neue« erfunden haben, daß sie die »erste Generation« sind, daß mit ihnen die bessere Zukunft anbricht. Kann man aber dieses ganze Treiben noch ernst nehmen, wenn man einmal erlebt hat, wie die nächste Generation mit Lärm und Geschrei als Heilslehre gerade das Gegenteil von dem verkündet, was die frühere mit Lärm und Geschrei auf den Altar gehoben hat –?«
Dr. Kranich: »Elmenreich, Sie reden, wie das Alter eben daherredet. Denn genau in dem Augenblick, als man einsieht, daß das Neue eigentlich etwas Altes und Längstdagewesenes ist, wird man aus einem jungen ein alter Mensch. Jugend ist Illusionsfähigkeit – nichts weiter als das. Der alte Mensch kommt vermöge seiner Einsicht in ein ganz falsches Verhältnis zu den Illusionen; er greift alle diese lieben Seifenblasen mit seinen harten, knochigen Fingern an und fühlt sich überlegen, wenn sie zerplatzen. Er weiß nicht, dieser Einsichtsvolle, daß der junge Mensch die Welt mit wunderbaren, wenn auch vergänglichen Gebilden bereichert, während er selbst nichts in der Hand behält als einen schmutzigen Tropfen.«
*
Dr. Kranich: »Die Wilden könnten in manchen Punkten unsere Lehrmeister sein. Welche geniale Idee, for instance, die Alten und Schwachen, die jede Gemeinschaft als unnötiger Ballast beschweren, sans façons über Bord zu werfen! Indessen wir Kulturmenschen herumgehen und den besten Teil unserer Jugend daran wenden müssen, uns die Alten vom Leibe zu halten. Und obendrein diese philanthropischen Veranstaltungen, alle schwachen, kränklichen, verpfuschten Exemplare der Gattung sorgfältig aufzupäppeln, damit sie am Leben bleiben und sich ungehindert vermehren können!«
Elmenreich: »Ich dachte, Sie wären gegenwärtig für die »schönen Gefühle«, Arthur? Aber Sie verstehen wohl die schönen Gefühle der Hottentotten darunter?«
Dr. Kranich, lächelnd: »Täglich, wenn ich mein Morgengebet verrichte, sage ich: Lieber Gott, nimm die Alten, Schwachen und Kranken zu dir; sie passen ja doch besser in den Himmel als auf die Erde! Denn Sie wissen, Elmenreich, ich glaube an Gott. Allerdings an einen Gott der Starken, Mächtigen und Gesunden. Daher fordern meine religiösen Gefühle, daß die Starken und Gesunden ganz nach Herzenslust darauf los leben und dafür sorgen sollen, daß sie sich vermehren und zahlreich werden wie der Sand am Meer.«
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Elmenreich: »Diese Todeszuckungen der europäischen Kultur, die wir für die Wehen einer neuen Daseinsform halten, dieser allgemeine Zerfall, den wir als die Heraufkunft der freien Individualitäten betrachten! Fäulnis, nichts als Fäulnis! Der Zersetzungsprozeß der bestehenden Gesellschaftsordnung. Ein stinkender Sumpf, aus dem ein ungeheures Quacken schallt. Und alle diese Frösche, sie wollen sich »entwickeln«, sie wollen Evolution, Kulturfortschritt, Uebermenschentum. Deshalb sitzen sie im Sumpf und quacken.«
Pipin, sehr schüchtern: »Aber eine Hoffnung, einen Wunsch nach dem Höheren muß man doch haben! Irgend etwas! Ein Ziel, eine Richtung!«
Elmenreich: »O ja, natürlich haben wir ein Ziel, natürlich haben wir eine Richtung! Wir haben unseren Standpunkt, unsere Weltanschauung. Jeder seine eigene für sich. Denn wir sind Einzelne, wir sind Eigene, wir sind souveräne Individuen, nur sich selbst gleiche. Wir sind freie Herren unseres eigenen Willens. Nur allein das Leben gehorcht uns nicht, das widerspenstige, eigensinnige, gemeine Leben, in dem das Gesetz der Trägheit und das Gesetz der Schwere regiert – und noch einige andere Gesetze, die wir nicht beachten oder nicht kennen. Es schreitet über uns hinweg, es läßt uns beiseite, es übersieht uns; wir stehen irgendwo im Winkel, unthätige Zuschauer, verlassen von allen Lebensmächten, deren Herren wir nicht sind –«