Graf Hermosa: »Ja, das Leben ist ein wirrer Traum, fühlen wir nicht zuweilen so deutlich? Ist uns nicht, wir müssen erwachen, wir sind dem Erwachen ganz nahe? Wie Engelsflügel es umweht uns und hebt uns in heiligen Ahnungen aufwärts, zu bewegen scheint sich der Schleier, der das Jenseits verhüllt – aber wieder die bleierne Dumpfheit des Schlafes zieht uns herab, und wir träumen weiter in Angst und Not und Qual, allein in der Finsternis, ohnmächtig, gelähmt, hilflos, währenddem der schauerliche Spuk des Lebens tobt durch unsere Adern ...«
Der Graf seufzt laut – etwas zu laut für eine von Affektation völlig freie Gemütsbewegung. Niemand antwortet. Dr. Kranich raucht seine Cigarette mit dem Behagen eines Menschen, dessen Lebensschlaf von jedem Alpdruck verschont ist; Elmenreich trinkt sein Glas leer und sagt dann zu Pipin:
»Aber lassen Sie sich nur nicht verleiten, einen Stein auf das zu werfen, was trotz alledem das beste Eigentum des Menschen ist. Weil es etwas Gewordenes, etwas Werdendes ist und nichts Vollendetes, ist es deshalb weniger ehrwürdig, weniger wertvoll? Es geht dem Gedanken selbst wie allen Genies: er wird verläumdet, beschimpft, gesteinigt von denen, die seine Mission in der Welt nicht begreifen. Leute, die in den Kellern des Gefühles herumlungern und ihren Haschischrausch für höhere Eingebungen halten, sind ja gar nicht imstande, die herrliche Helligkeit des Bewußtseins zu schätzen. Sie reden von den Offenbarungen der Nacht, weil in der Nacht die Sterne sichtbar werden, und sie bemerken nicht, daß sie dafür die ganze unerschöpfliche Pracht des Tages in den Kauf geben, diese Lichtscheuen, Lichtmüden, diese Nachteulen des Geistes, die immer dann ausfliegen, wenn der Abend einer Kultur zu dämmern beginnt« ...
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Eine Viertelstunde später. Dr. Kranich beschreibt die Andachtsübungen und Riten einiger freireligiösen amerikanischen Sekten. Elmenreich findet, daß man als Europäer noch immer einen Vorsprung besitzt vor diesen amerikanischen Versuchen, sich mit dem Welträtsel auseinanderzusetzen.
Graf Hermosa: »Europa, das heißt, auf einem falschen Wege sein und doch immer weitergehen, totmüde und sterbenskrank, und halten ein Irrlicht für einen Leitstern. Europa, das ist nur ein mißratener Ableger von Asien. Asien ist den rechten Weg gegangen, und gekommen ans rechte Ziel. Welche Anmaßung, daß Europa sich aufspielt als moderne Menschheit! Und Grund, stolz zu sein, welchen? Besitzt denn die moderne Menschheit auch nur einen Tropfen Balsam zu gießen in eine verwundete Seele? Einen Tropfen Labsal den Dürstenden? Und was ist der Lärm, der aus dem Sumpfe schallt, anders als ein Schrei nach Erlösung? Alle die armen niedrigen Seelen, die aus dem Sumpfe ihre Stimme erheben, sie schreien vor Hunger, sie schreien nach dem Brote des ewigen Lebens, und es wird ihnen nicht gegeben. Denn die es geben sollten, sperren zu ihre Thüren, sitzen hinter geschlossenen Thüren allein, und welche von ihnen weinen, welche von ihnen lachen. Aber welche von ihnen wissen, daß sie ebenso bedürftig sind der Erlösung wie die armen Seelen im Sumpfe –«
Elmenreich stößt sein Glas zurück. Zu Dr. Kranich: »Na, hören Sie, Arthur, was haben Sie da für ein Zuckerwasser angemacht? Das ist ein Getränk zur Anfeuchtung für Nachmittagsprediger in einer Sonntagsschule. Geben Sie mir doch den Cognac herüber, sonst wird mir schlecht im Magen ...«
Elmenreich kam mit Eugenie den Promenadeweg herab. Sie waren in ein sehr lebhaftes Gespräch verwickelt. Ich wollte vorübergehen, aber Elmenreich hielt mich an.
»Gut, daß Sie kommen«, sagte er in einem sonderbar nervösen, gereizten Ton. »Vielleicht wird Fräulein Eugenie Ihnen eher Glauben schenken als mir. Bestätigen Sie ihr, was ich sage! Meine Worte machen keinen Eindruck; Fräulein Eugenie glaubt mich besser zu kennen als ich mich selbst. Sie lebt in dem Wahn, daß in mir was ganz besonderes steckt, daß ich im Geheimen ein ganz großartiger Mensch bin, nur so von außen voll Schlacken und unangenehmer Eigenschaften, die aber alle gleich abgestreift wären, wenn ich einmal in die rechten Hände käme –«