Das schöne Mädchen stand mit gesenkten Augen daneben und bohrte ihren Sonnenschirm in die schwarze Walderde. Ohne aufzublicken murmelte sie:
»Aber Herr Doktor! Das habe ich doch nie behauptet –«
»Nun ja, Sie sagen das freilich nicht so geradezu, aber ich errate es, ich lese es in Ihrer Miene, ich höre es aus dem Ton, in dem Sie mit mir sprechen. Und wenn Sie mich für einen unausstehlichen, unbrauchbaren, mißratenen Patron halten, so haben Sie ja recht tausendmal recht –«
»Aber wie können Sie nur –«
»Diese Prämisse ist völlig zutreffend und beweist Ihr gesundes Urteil. Nur die Schlußfolgerung, die Sie ziehen, gehört in das Gebiet jener Logik, wie sie den jungen Damen eigentümlich ist. Welche junge Dame glaubt nicht, daß es ein Zaubermittel giebt, durch das jede verfehlte, männliche Existenz zu kurieren wäre! Welche junge Dame glaubt nicht, daß sie die Mission hat, der rettende Engel irgend eines solchen verwunschenen Prinzen zu werden! Diese lieben kleinen Mädchen sind ja ganz charmante Wesen, das leugne ich nicht; aber sie denken eben, wenn sie einen Fingerhut voll Oel auf eine wilde See gießen, werden alle Stürme besänftigt und alle Wogen geglättet sein –«
»Es ist nicht schön von Ihnen, darüber zu spotten«, sagte Eugenie mit vibrierender Stimme.
»Ich bin weit entfernt davon, über diese holden Täuschungen der Mädchenintelligenz zu spotten. Aber Sie können es mir nicht übel nehmen, daß ich mich an meine eigene Lebenskenntnis halte. Wahrscheinlich besteht sie zwar gleichfalls aus Täuschungen, wenn auch aus weniger holden; nur werden Sie mich von meinen Täuschungen ebensowenig kurieren wie ich Sie von den Ihrigen. – Nein, Fräulein Eugenie, glauben Sie mir, es giebt nichts Undankbareres als ein Rettungswerk an fertigen Leuten; dergleichen endet immer mit einer immensen Enttäuschung. Sie haben die Vorstellung, daß ich ein sogenanntes goldenes Herz in einer rauhen Schale bin; und Sie hören nicht auf mich, der ich doch zum Kuckuck besser wissen muß, was in mir steckt. Eine bittere Mandel, weiter nichts –«
Eugenie lächelte unmerklich. »Da Sie das selbst sagen, glaube ich es erst recht nicht. Damit beweisen Sie mir nur das Gegenteil.«
Und Elmenreich ereifert sich, macht sich mit Schwung herunter, erfinderisch in der Negation wie immer. Ja, eine bittere Mandel, eine taube Nuß, die außen vergoldet ist, nichts weiter. Wozu war denn ein solches Subjekt überhaupt auf der Welt? Einer von jenen Ueberflüssigen, von jenen Lebenszuschauern, die mit den Händen in den Hosentaschen daneben stehen, während sich die anderen im Schweiße ihres Angesichtes rackern. Die in ihrer Loge im ersten Rang sitzen und den Kämpfern in der Arena auf den Kopf spucken. Die selbst nie einen Finger rühren und immer besser wissen, wie es die anderen machen sollten. Ein Einäugiger, der sich unter den Blinden als König geberdet, weil er nicht bemerkt, daß die Blinden ihren Weg in der Finsternis finden, während er sich hundertmal verirrt; ein kalter Räsonneur, der sich überlegen fühlt, wenn er als Frost auf alle Blumen fällt, die so unvernünftig sind, zu blühen. Ein Pflastertreter der Geistigkeit, der überall hingekommen ist und nirgends etwas geleistet hat. Ein heulender Derwisch des Denkens, der sich ewig um sich selber dreht, in der Meinung, dadurch den Dingen auf den Grund zu kommen. Ein Baron Münchhausen der Erkenntnis, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpfe ziehen will –
Eugenie lachte. Auch ihr Lachen ist leise und gemessen, fast nur die Andeutung eines Lachens. Ihr Gesicht verändert sich nicht dabei; sie öffnet nur ein wenig den Mund, so wenig, daß kaum der Rand ihrer Zähne sichtbar wird.