Aber Elmenreich ließ mir gar keine Zeit, mich zu äußern.

»Das hat Ihnen gerade noch gefehlt, Pipin, daß Sie sich solches Zeug in den Kopf setzen. Sie wären imstande, nächstens auf dem Promenadenweg dem Regierungsrat Müller die Geldbörse abzujagen, um sich vor dem Grafen als Geistesmensch zu legitimieren –«

»Ich habe doch eben erklärt, daß ich mir durchaus nicht anmaße, unter die Geistesmenschen gezählt zu werden –«

»Na, ein Geistesmensch sind Sie allerdings nicht, aber trotzdem ein Kerl, der mehr wert ist, als mancher andere. Sehen Sie denn nicht ein, daß alle willkürlichen Normierungen der Menschen keinen Schuß Pulver wert sind? Nichts als ein jeu d' esprit für solche Narren wie der Graf einer ist, und eine Leimrute für solche Narren, wie Sie einer sind –?«

Ich wendete ein, daß es doch ganz den Anschein gehabt hatte, als wolle der Graf nicht auf Pipin, sondern auf ihn Eindruck machen.

»Auf mich? Als ob ich diese Leier nicht längst auswendig kennte! Bei mir verfängt das nicht mehr. Uebrigens vielleicht – vielleicht glaubt er, daß er damit noch etwas bei mir erreichen kann. Aber da täuscht er sich gründlich!« Und mit zunehmender Heftigkeit fuhr er fort:

»Ich werde Ihnen sagen, Pipin, unter welche Gattung Menschen er selber gehört. Lassen Sie sich nicht ein mit Leuten, die neue Klassen der Menschen kreieren, um sich selbst auf die oberste Stufe zu stellen, die sich als innerliche Kaiser und Könige aufspielen, weil sie keinen Platz im äußeren Leben ergattern können! Ich kenne sie, diese Ichprotzen, die aus der Kultur des Ich einen Kultus des Ich machen! Die selbstgefällig die Ausdünstungen ihrer angefaulten Seelen beschnuppern, um uns ihre Defekte als neue Seiten der menschlichen Natur aufzutischen! Diese commis voyageurs in geistigen Modewaren, die immer die Neuheit der Saison für eine erlösende Wahrheit ausgeben ... Je nachdem der Wind weht, hält man sich für einen Franz von Assisi, wenn man seine zerrütteten Nerven ein paar Wochen auf dem Lande ausruhen läßt, oder für einen Cäsar Borgia, wenn man seine Gymnasiastenstreiche zum Besten giebt; sie glauben schon, was Neronisches zu sein, wenn sie einen der Seitenwege einschlagen, auf denen die Instinkte niedergehender Kulturen lustwandeln –«

Ich machte einen Versuch, ihn zu unterbrechen:

»Aber hören Sie doch auf, Elmenreich! Wie paßt denn das auf den Grafen?«

»Was ihnen in die Hände fällt, wird zur Karikatur, die Ausschweifung und das Empfindungsraffinement, die brutale wie die sentimentale Pose. Sie können keine ihrer erbärmlichen Liebesaffairen erzählen, ohne Gott, Welt, Menschheit hineinzupfuschen. Und wenn sie sich mit Weibern oder Comestibeln überladen haben, fangen sie an, von ihrem Erlösungsbedürfnis zu reden. Sie behängen sich mit tiefen Erkenntnissen, wie Maulesel mit Schellen und glauben etwas für die Unsterblichkeit zu thun, wenn sie in allen Gassen damit herumläuten, bis die anständigen Leute Fenster und Thüren zuschlagen und alle tiefen Erkenntnisse zum Henker wünschen –«