»Es ist lateinisch«, sagte er. »Obenauf steht Arcana coelestia; alles Uebrige habe ich in der Eile nicht lesen können. Denn das Merkwürdigste ist die Kravattennadel, die er hineingelegt hat. Denken Sie sich: sie besteht aus einer Schlange, die sich in den Schweif beißt! Und diese Schlange schlingt sich um einen sechseckigen Stern, und in diesem Stern hängt ein Ding, das aussieht wie ein kleinwinziger Stimmschlüssel. Das muß etwas zu bedeuten haben! Ich glaube wirklich, Doktor Kranich hat Recht, dieser geheimnisvolle Fremde ist jemand Besonderer, glauben Sie nicht auch, gnädige Frau?«
Indessen war der Fremdling zurückgekommen. Eilig huschten die letzten Neugierigen auf ihre Plätze. Er aber steckte friedlich seine Nadel wieder an, nahm sein Buch in den Arm, schlug seinen Mantel mit einer weiten, malerischen Bewegung vorne übereinander und ging.
Der lang zurückgestaute Strom der Rede ergoß sich jetzt in brausenden Wogen durch die Veranda. Von den Tischen der Räte drangen Laute der heftigsten Entrüstung herüber. Sie verhinderten Elmenreich, seine eigene Entrüstung zu äußern; denn Dr. Kranich sagte lächelnd:
»Da drüben haben Sie ja Gesinnungsgenossen, Elmenreich. Wollen Sie nicht hinübergehen und mit den Hofräten heulen?«
Als man sich gesegnete Mahlzeit wünschte, fiel es auf, daß der Graf fehlte. Niemand hatte ihn fortgehen gesehen.
Er ist auch beim Abendessen noch nicht wiedererschienen.
Pipin: »Das wäre mein Ideal: ein Kreis hervorragend gescheiter Menschen, die so recht auf der Höhe der Kultur stehen, die alles begreifen, was in der Welt vorgeht und darüber gut zu reden wissen, so daß man die Empfindung hat, man lebt ganz im Zentrum, man lebt so reich und intensiv, als es zur Zeit möglich ist. Und mit solchen überlegenen, ausgezeichneten Menschen in einer wahren, lebenslänglichen Freundschaft verbunden zu sein – sagen Sie, Herr Doktor, wäre das nicht ein himmlisches Glück?«
Elmenreich: »Puah! Lebenslängliche Freundschaft! Wie können Sie denn in Ihrem Alter noch so was erwarten! Lebenslängliche Freundschaft ist nur möglich unter Menschen, die stehen bleiben, also unter nicht modernen Menschen; denn das macht ja den modernen Menschen aus, daß er sich beständig wandelt. Und dann – giebt es etwas Langweiligeres als lebenslängliche Freundschaft? Man kennt sich längst auswendig, man hat sich nichts Neues mehr zu sagen, keine Ueberraschungen mehr zu machen, keine Rätsel mehr aufzugeben! Man weiß schon im Vorhinein, was der werte Freund in jeder Lage denken und thun wird; so oft er zu reden anfängt, fragt man sich gähnend: Du lieber Gott, wird er denn sein ganzes Leben lang auf diese paar Gedanken reisen?«
Pipin, nach einer Pause schüchtern: »Aber weil wir schon bei diesem Gegenstande sind, Herr Doktor – darf ich offen sprechen?«