»So weit versteigt sich meine Phantasie noch nicht! Ich weiß bis jetzt nur, daß diese wunderschöne Fee einsam in ihrem Nachen fährt und sich langweilt. Es fehlt ihr zwar nicht an Gesellschaft; ein ganzes Heer von Schwänen zieht hinter ihr drein, angelockt durch ihre märchenhafte Schönheit. Alle Arten von Schwänen sind darunter; feiste, solide, mit ernsthaften Absichten und kleinen beginnenden Glatzen hinten auf dem Kopf; und unglückliche magere, die bloß einen langen Hals und lange Zähne beim Anblick der Mondfee kriegen, weil sie keine fixe Stellung haben und nicht einmal noch Aussicht auf Quinquennalzulagen; junge Schwäne, ganz rosig wie Spanferkel vor Anbetung und Liebe, die mit einem schwärmerischen Augenaufschlag hinter den anderen herschwimmen und demütig warten, ob die Mondfee einmal bemerken wird, daß sie auf der Welt sind; und freche schwarze Schwäne, mit einem blutroten Ring auf dem Schnabel, die nach jedem hacken, der sich vordrängen will –«

Pipin ist begeistert. »Großartig«, ruft er und hustet vor übermäßigem Ergötzen, während Eugenie unbeweglich bleibt und nach Elmenreich sieht, was er für ein Gesicht macht.

»Und alle diese Schwäne singen unermüdlich die Mondfee an, jeder nach seiner Weise, die feisten soliden mit ehrbaren Annäherungsversuchen und notariell sichergestellten Lockrufen; die rosenroten jungen tragen ihr in gereimten Vierzeiligen Herz und Hand entgegen; die frechen schwarzen aber schreien nur siegesgewiß kuckuck, kuckuck –. Denn die schwarzen Schwäne, Fräulein Eugenie, sind von sonderbarer Abkunft. Es war einmal ein Kuckuck, der verliebte sich in eine große schwarze Amsel. Aber die Amsel wollte nichts wissen von seiner Liebe, weil der Kuckuck kein épousseur ist und bekanntlich kein Nest baut. Mit einem so liederlichen Vogel wollte sich die Amsel nicht einlassen. Da sagte der Kuckuck: O liebe Frau Amsel, wie könnt ihr doch einem Kuckuck mit solchen moralischen Bedenken kommen! Laßt das meine Sorge sein; wir Kuckucke brauchen ja gar kein Nest, wir legen unsere Eier nach gutem Kuckucksrecht in fremde Nester. Und als die Amsel das Kuckucksei gelegt hatte, trug es der Kuckuck in ein Schwanennest; dort brütete es der schneeweiße Schwan gewissenhaft aus. Es entstand zwar ein großes Schütteln des Kopfes in der Verwandtschaft über den unvermuteten schwarzen Sprößling; aber gutmütig, wie diese schneeweißen Vögel einmal sind, machten sie sich weiter keine Gedanken darüber.«

»Der Schluß ist schwach, mein lieber Arthur«, sagte Elmenreich; »es fehlt ihm die Pointe –«

»Und die Mondfee?« fragte Eugenie. »Kommt die Mondfee in der Geschichte nicht mehr vor?«

»Die Mondfee fährt in ihrem goldenen Nachen weiter, ungerührt und unergründlich, wie eine marmorne Sphinx –«

»Ich behaupte, die Mondfee ist in den fliegenden Holländer verliebt«, begann Elmenreich. »Sie hat sich's in den Kopf gesetzt, kein anderer als der fliegende Holländer soll es sein, so wundervoll romantisch, wie sie sich ihn vorstellt, melancholisch, weltschmerzlich, unbändig gescheit aber doch zugleich erlösungsbedürftig. Und wenn ein Schiff vorüber fährt mit einer dunklen Gestalt am Steuer, so erhebt sie ihre Sirenenstimme und streckt ihre weißen Hände dem Unbekannten entgegen. »Komm zu mir, ich will dich erlösen«, ruft sie ihm zu und winkt mit dem Taschentuch. Geschmeichelt hält der Unbekannte an, um in den goldenen Nachen einzusteigen.

»Ich kenne dich, du bist der fliegende Holländer«, sagt die Mondfee mit ihrer Sirenenstimme.

»Du lieber Gott, nein, ich bin ein ganz gewöhnlicher Sterblicher«, versetzt der Unbekannte enttäuscht.

Aber die Mondfee bleibt dabei, daß er der fliegende Holländer sei; »ich habe dich ja«, sagt sie und weist mit ihrem Lilienfinger ins Blaue, »ich habe dich ja auf jenem geheimnisvollen Schiffe gesehen, das dort in der Ferne segelt.« Denn das ist das Eigentümliche an dem fliegenden Holländer, daß er immer in der Ferne segelt und niemals von dem goldenen Nachen der Mondfee eingeholt wird. Der Unbekannte will der Sache auf den Grund kommen; er rudert aus Leibeskräften, bis er das spukhafte Schiff erreicht. Am Steuer sieht er eine vermummte Gestalt stehen; die fragt er beherzt: »Alle guten Geister loben Gott den Herrn – wer bist du?« Da bewegt sich das Phantom – und mit Staunen nimmt er wahr, daß er selber es ist, der dort am Steuer steht, aber in einem phantastischen Kostüme, mit Scharlachmantel und Barett und gestickten Königskronen an den Rockaufschlägen. »Wer ich bin?« antwortet der gespenstische Doppelgänger und wirft sich in die Brust. »Ich bin derjenige, den sich die Mondfee unter dir vorstellt –« und schwupps! ist er wieder unerreichbar weit weg.«