Jedenfalls hat die seltsame Klarheit, mit der diese Gedankenwelt wieder vor mir aufstieg, das Kommende vorbereitet. Als ich nämlich in der ersten Morgendämmerung über den Hafen nach Hause ging, fiel mir ein großer Dampfer in die Augen, auf dem schon in dieser frühen Stunde ein geschäftiges Treiben herrschte. Ich redete einen vorüberkommenden Matrosen an: um acht Uhr ging das Schiff nach Rio de Janeiro ab. Und wie ein Blitz durchfuhr es mich: Da gehst du mit! Ich lief nach Hause; noch ganz außer Atem stürzte ich zur Mutter hinein, und sagte: Mutter, steh auf, packe meine Sachen; ich fahre heute um acht Uhr nach Rio de Janeiro. Die arme Frau glaubte im ersten Schrecken, ich hätte den Verstand verloren. Aber als sie sah, daß ich Ernst machte, und auch, daß ich voll froher Laune und ein verwandelter Mensch war, ergab sie sich leichter, als ich zu hoffen gewagt hatte, in meinen Entschluß.
Sie dürfen mir glauben, gnädige Frau: als die Ankerkette rasselte und die erste unbestimmte Bewegung durch das Schiff ging, da erfüllte mich ein so reines, ganzes Gefühl, wie ich es seit Jahren nicht mehr empfunden habe. Seit Jahren! Aber nichts mehr davon! Ich gehe in die neue Welt – nicht um ein neuer Mensch zu werden, sondern um mich mit dem alten in mir dauernd wieder vertragen zu lernen. Und so werde ich auch von der anderen Seite der Erde eines Tages – kann sein erst in vielen Jahren – wieder zurückkommen
| als Ihr getreuer, unveränderlicher Pipin. |
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Diese Zeilen riefen mir vergangene Zeiten lebhaft in die Erinnerung zurück. Sie waren der Anlaß, daß ich mich wieder mit Personen und Ereignissen zu beschäftigen begann, die inzwischen aus meinem Gesichtskreis entschwunden waren. Ich suchte alte Papiere hervor, Briefe, die ich in einer mehrmonatlichen Abwesenheit an meinen Mann geschrieben hatte, Tagebücher, in denen ich manches aufgezeichnet hatte, was mir aus besonderen Gründen damals nahe ging. Damals stand allerdings für mich nicht Josef Balthasar Stöger im Vordergrund.
Jetzt widme ich ihm diese Blätter. Ich habe sie in ihrer ursprünglichen Gestalt gelassen, ohne Ergänzungen hinzuzufügen, obwohl sie nur eine sehr lückenhafte Chronik seines Geschickes bilden.
Denn was erfährt man von dem Geschicke derjenigen, die neben uns leben? Irgend etwas ereignet sich; aber es ist nicht das Gleiche für alle, die dabei sind. Jeder handelt nach seinen verborgenen Gründen, geht nach seinem heimlichen Ziele, und der Zuschauer deutet die äußeren Zeichen. Die innere Seite des Geschehens bleibt unsichtbar und unmitteilbar; sie muß erraten werden, wie man ein Rätsel löst. Darin liegt eine Gefahr des Lebens, aber auch ein Zauber. Wer das erfahren hat, wird es vorziehen, wenn der Zuschauer sich nicht in einen Erzähler verwandelt.