Elmenreich: »Eine herrliche Gegend? Das kann doch nicht Ihr Ernst sein, gnädige Frau? Gebirge ist das Unerträglichste, was es auf der Welt giebt! Und gar ein solches Gebirge wie hier! Diese Berge ohne Größe der Linien, einer vor den anderen getürmt – eine zwecklose Einengung des Horizontes, weiter nichts. Der Teufel soll mich holen, wenn ich jemals künftig wo anders Erholung suche als am Meer. Der Anblick des Meeres, das ist es, was man braucht; etwas Ungeheures, an das der Mensch nicht herankann, etwas ganz Großes, ganz Wildes, ganz Ungebändigtes, vor dem man den erbärmlichen Schnickschnack der Kultur vergißt. Nichts sehen als Wasser und Himmel, nichts hören als das Rauschen der Brandung, die das Denken einschläfert, dieses gottverdammte Denken, an dem man vor der Zeit alt und hinfällig wird und unbrauchbar für alle guten und gesunden Dinge des Lebens.

Hingegen das Gebirge – pfui Teufel! In den Thälern herumbummeln, auf diesen braven, wohlgeebneten, kiesbestreuten Promenadewegen, wo man dem Regierungsrat Müller und dem Hofrat Mayer und allen übrigen Mayer und Müller der Welt begegnet, während einem die Berge vor der Nase stehen wie zum Hohn! Dort oben die Freiheit, die Einsamkeit, die Größe! Wer aber kann denn jeden Tag auf einen solchen einsamen Gipfel klettern, von dem man drei Tage lang den Knieschnapper behält, nachdem man wieder unten ist? Und dann einsame Gipfel, schon gut! Nicht einmal die halten sich mehr frei von den lästigen sozialen Wesen, von denen die Thäler bewimmelt sind. Das Bergsteigen ist so recht die Erfindung eines banausischen Zeitalters, das nichts Hohes unangetastet lassen kann, eine Erfindung für Alpenvereinsmitglieder, die in der Natur nur die markierten Wege suchen. Einstmals wohnten auf den Bergesgipfeln die Götter; heute – Gott steh uns bei! Giebt es denn noch eine Höhe ohne Schutzhütte und Touristen? Und gar die Zahnradbahnen! Empörend, diese gemästeten Kommerzienräte, vor denen man auch 2000 Meter über dem Meere nicht mehr sicher ist! Das ganze deutsche Flachland hat man jetzt bei uns in den Bergen auf dem Halse! Unlängst, bei einem Ausflug nach Sankt Wolfgang – dieser ehemals so reizende Ort, man möchte blutige Thränen weinen –«

Der Hotel-Omnibus klapperte und rasselte, während wir durch die schlechtgepflasterten Straßen des Marktes fuhren. Elmenreich mußte schreien, um sich verständlich zu machen. Er bemerkte nicht, daß er mir eine unangenehme Enttäuschung bereitete, indem er gleich bei meiner Ankunft die Gegend heruntermachte, die er mir noch drei Wochen früher so lebhaft angepriesen hatte.

Als wir uns nach einer halbstündigen Fahrt wieder einem Orte näherten, grüßte Elmenreich jeden dritten Menschen. Er schien sämtliche Sommergäste zu kennen. Jemand sprang sogar für einen Augenblick auf den Wagentritt und rief herein: »Heute um 5 Uhr Rendezvous auf der Seewiese; Sie sind doch dabei, Herr Doktor?«

Dann sah ich eine jugendliche Männergestalt, ganz in weißen Flanell gekleidet, die Straße kreuzen. Eine blaubunte Schärpe leuchtete für einen Augenblick unter dem weißen Rock hervor. Und auch der wiegende Gang mit den kurzen Schritten war nicht zu verkennen, obwohl mir die Gestalt gleich wieder aus dem Gesichte verschwand.

»Wenn ich nicht wüßte, daß es unmöglich ist, möchte ich schwören, daß eben – Graf Hermosa vorübergegangen ist«, sagte ich, ungewiß, ob nicht Elmenreich schon bei dem bloßen Namen außer sich geraten würde.

Ohne sonderliche Gemütsbewegung versetzte er in seinem gewohnten ärgerlichen Tonfall:

»Natürlich ist er vorübergegangen! Er treibt sich ja den ganzen Tag hier auf der Straße herum.«

»Wie? Graf Hermosa ist wirklich hier?«

»Warum sind Sie so verwundert darüber, gnädige Frau?«