Und Pipin war gefragt worden. Pipin war ausgezeichnet worden, Pipin war zum dienenden Knappen avanciert, mit der Möglichkeit, dereinst zum Ritter geschlagen zu werden.

Und schon war er seiner Dame mit Leib und Leben unterthan, und es unterliegt keinem Zweifel, daß sie fortan das regierende Prinzip seines Lebens sein wird.

Eugenie hatte ihn zu ihrem Vertrauten gemacht. Wenige Tage nach unserer Abreise geschah es, daß Pipin sie allein im Garten traf. Sie war in tiefe Melancholie versunken; Pipin glaubte Spuren von Thränen in ihren Augen zu bemerken. Da wagte er es, ihr seine Dienste anzutragen. Und sie sah nicht mehr kühl und gelangweilt über ihn hinweg; sie hörte ihn mit einer gewissen Aufmerksamkeit an. Dann wurde sie zusehends heiterer und begann ein Gespräch über gleichgültige Dinge. Aber schon allein, daß sie ihn eines Gespräches würdigte, empfand er als eine Gunst, die sie ihm bisher noch nie erwiesen hatte. Das Gespräch lenkte sich sehr bald auf Elmenreich; halb scherzhaft, halb im Ernst behauptete sie, Elmenreich sei ein Weiberfeind ... Auf diesem Wege kam Pipin dahin, ihr die ganze Unterredung, die er mit Elmenreich über die Ehe gehabt hatte, mitzuteilen.

Seither glaubte Pipin in ihrem Betragen gegen Elmenreich eine Veränderung zu bemerken; sie schien ihm auszuweichen, und wenn sie mit ihm zusammentraf, beachtete sie ihn geflissentlich nicht.

Pipin war in großer Unruhe und Bedrängnis über die wahre Veranlassung dieser Wandlung. Hatte er selbst sie mit seiner Mitteilung bewirkt? Oder war schon vorher etwas zwischen Elmenreich und Eugenie vorgefallen? Die bloße Möglichkeit, daß er da eine Ungeschicklichkeit begangen habe, daß er Ursache an einer für Elmenreich ungünstigen oder unerwünschten Wendung sein könnte, machte ihn fassungslos. Er rang die Hände.

»Nein, ich könnte mir das nie verzeihen! Daß ich daran Schuld sein sollte, ich, der ich so sehnlich gewünscht hätte, ihm einen Dienst zu erweisen, etwas zu thun, was seine Gemütsstimmung verbessern könnte! Natürlich bin ich gleich, als ich anfing, etwas zu merken, zu Elmenreich gegangen, um ihm alles zu sagen. Aber Sie wissen ja, wie schwer es ist, mit ihm zu reden. ›Eine Veränderung in Eugeniens Benehmen? Ist mir nicht aufgefallen;‹ sagte er vollkommen kühl; und dann gab er mir den Rat, mir nicht anderer Leute Angelegenheiten zu Herzen zu nehmen. Nun bitte ich Sie! Ihm sollte keine Veränderung aufgefallen sein, wenn sogar ich diese Veränderung bemerkt habe? Es war klar, er wollte ausweichen; aber ich ließ mich nicht irre machen, ich bestand darauf, daß ihm diese Veränderung nicht entgangen sein könnte, und daß ich alle Ursache hätte, zu fürchten, ich selber sei daran schuld, weil ich nämlich – also wegen des Gespräches über die Ehe. Da lachte er – es war aber kein ungezwungenes Lachen, das können Sie mir glauben – schlug mich mit der Hand auf die Schulter und sagte: ›Pipin, das war das Gescheidteste, was Sie machen konnten. Ich bin sehr zufrieden darüber.‹ Nun, ich will augenblicklich tot niederfallen, wenn das nicht ganz gegen seine wirklichen Empfindungen gesprochen war! Aber was soll ich thun? Kann ein Mensch wie ich Elmenreich durchschauen, wenn er sich nicht durchschauen lassen will? Ich habe ihn angefleht, mir die Wahrheit zu sagen – aber er bleibt dabei, daß ich ihm nur einen Dienst erwiesen habe, für den er mir dankbar sei. Und doch, und doch! Ich werde den Gedanken nicht los, daß es in seinem Innern ganz anders aussieht, als er merken lassen will ...«

* * *

Der Graf legt seine Serviette weg und tritt nicht ohne Feierlichkeit vor mich hin.

»Ich hege die Hoffnung, daß sich etwas wahrhaft Außerordentliches begeben wird. Ich richte die Bitte an Sie, gnädige Frau, daran teilzunehmen. Ich gebe mir die Ehre, Sie einzuladen, übermorgen auf den Berg Alvernia zu kommen« (lächelnd) – »ich sage Alvernia, weil der Tressenstein nunmehr würdig ist, genannt zu werden mit einem erleseneren berühmteren Namen. Ich würde mich glücklich schätzen, wenn ich das Werkzeug sein könnte, einen ungewöhnlichen Kreis zu versammeln um einen ungewöhnlichen Mann –«

Seine brennenden Augen heften sich auf Elmenreich und mit einer plötzlichen Bewegung faßt er heftig dessen Arm, als wollte er ihn nötigen, auf der Stelle mitzukommen.