Aber die Frau schien nicht geneigt, auf diesen Ton einzugehen. Sie verschwand wie ein Schatten, ohne eine Antwort zu geben.

»Ich habe ihr einiges über den Fremden erzählt und vielleicht ihre Neugierde dabei zu hoch gespannt«, sagte Pipin zur Erklärung, während wir über die schmale Holztreppe in das Zimmer hinaufstiegen. »Aber ich mußte sie doch vorbereiten, daß da nicht ein Stadtmensch von der landläufigen Art einziehen wird, sondern jemand Besonderer – so eine Art Einsiedler in härenem Gewand, hab' ich ihr gesagt, der halt auf seine eigene Façon selig werden will. Mir scheint gar, sie stellt sich jetzt einen wirklichen Einsiedler und Heiligen vor, der mit Händeauflegen die Krankheiten vertreiben kann. Armes Weib! Da fehlt's wohl auch irgendwo gewaltig! Sie hat alle ihre Kinder und zuletzt ihren Mann kurz hintereinander verloren – und jetzt ist sie selber krank, wenn nicht gar übergeschnappt. Und da glauben wir immer, die Bauern, das sind noch die gesunden und natürlichen Menschen!«

Das Aussehen des Zimmers scheint allerdings seine Worte zu bestätigen. Ringsherum an den Wänden, über dem hochgetürmten Bett, das bis zur halben Höhe des Zimmers hinaufsteigt, über dem harten, mit schwarzer Wachsleinwand überzogenen und mit weißen Porzellannägeln beschlagenen Sofa, bis in die hinterste Ecke, die ein großer grüner Kachelofen einnimmt, hängen zahllose Heiligenbilder, billige Farbendrucke in grüngelben Tönen, darstellend schönfrisierte Heilandsgesichter mit Dornenkronen, von welchen das Blut in dicken Tropfen herabrinnt, Mariengestalten, denen sieben Schwerter in die blaudrapierte Brust gestoßen sind, herausgeputzte Heilige, die ihre Marterwerkzeuge als Trophäen in den Händen halten – eine Galerie des Leidens, die durch den Kontrast zwischen dem Gegenstand und der fabriksmäßig gleichgültigen Darstellung ganz unerträglich wird. Ein Glasschrank ist mit Wachsstöcken angefüllt, mit Rosenkränzen, mit Wallfahrtsmedaillen, mit Weihbrunnkesseln aus Blech oder Porzellan, mit quecksilberbelegten Glasleuchtern, in denen bunte Wachskerzen stecken; obenauf unter einem Glassturz steht ein Kruzifix, auf dem ein vergilbtes wächsernes Brautkränzlein hängt, daneben in einer blaugläsernen Vase ein Bouquet graurötlicher Blumen aus geknetetem Brot.

Und in der halben Dämmerung, die von den schwärzlichen Balken der Decke auf die grauviolett schablonierten Wände herabzufließen scheint, glimmen alle diese Dinge mit fahlen Glanzlichtern und verleihen dem Raum etwas Unheimliches. Eine unbefriedigte und gewaltsame Frömmigkeit redet hier, die Not einer gepeinigten Seele, die sich nicht genug thun kann in Opfern und Gebeten vor der zürnenden, unerbittlichen Macht auf dem Throne der Welt.

»Gerade komfortabel ist das Zimmer nicht«, sagte Pipin entschuldigend; »aber meinen Sie nicht auch, gnädige Frau, daß man es einem so ungewöhnlichen Menschen eher anbieten kann als ein Hotelzimmer?« ...

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(Aus einem Briefe.)

12. August 1893.

... Auf dem Rückweg fragte ich gestern Pipin, was denn zwischen ihm und Elmenreich vorgegangen sei. Da schüttete er sein ganzes Herz vor mir aus.

Daß sich Eugenie für Elmenreich auf das Lebhafteste interessierte, war doch niemandem ein Geheimnis, und gewiß diesem selbst am wenigsten. Trotzdem trieb er nur ein zweideutiges Spiel mit ihr; sobald sie ihm entgegenkam, kehrte er seine abstoßendste Seite heraus, sobald sie verstimmt war und sich zurückzog, suchte er sie wieder auf, wollte sie versöhnen und benahm sich so, daß er sie geradezu kompromittierte, falls er nicht die Absicht hatte, Ernst zu machen. Und diese Absicht hatte er nicht, darüber konnte kein Zweifel bestehen. Oder hatte er sie dennoch? Dachte er in Wahrheit nicht vielleicht trotz allem anders als er vorgab? Was bleibe aber übrig, als sich an seine Worte zu halten, wenn man über ihn gefragt werde?