... Der mich am freudigsten begrüßte, war Pipin. Er kündigte mir gleich an, daß eine Ueberraschung bevorstehe und fragte, ob ich ein paar Stunden Zeit für ihn habe.

Dann führte er mich einen Weg den Wald hinauf, abseits von den großen Heerstraßen des Promenandenpublikums.

Unterwegs teilte er mir mit, daß es dem Grafen gelungen sei, mit jenem »Fremdling«, der kurze Zeit vor deiner Ankunft hier durchgekommen war, Beziehungen anzuknüpfen. Damit habe der Graf einen tüchtigen Rekord über Doktor Kranich erzielt. Denn während Dr. Kranich sich begnügte, die Unerschrockenheit dieses außerordentlichen Menschen hervorzuheben, und es bloß bis zur Absicht brachte, sich ihm vorzustellen, sei der Graf ihm nachgereist, habe seine Bekanntschaft gemacht und ihn bewogen, sich für einige Zeit hier niederzulassen –

Einen Rekord über Dr. Kranich? Es sei mir gar nicht bekannt gewesen, daß der Graf solche Ambitionen gegenüber Dr. Kranich hege –

Dr. Kranich habe doch einmal von sich gesagt, er sei champion of the world in allen Fragen der höheren Geisteskultur – müsse man das nicht als eine direkte Herausforderung für Elmenreich und den Grafen betrachten, die beide sicherlich den gleichen Anspruch auf diese Weltmeisterschaft hätten –?

Im Grunde seines Herzens natürlich finde der Graf diesen beständigen Wettbewerb unwürdig und beschwerlich; deshalb habe die Erscheinung des Fremden ihm den Plan eingegeben, diesen Mann als den wahrhaft Ueberlegenen, als »geistige Potenz hors concours«, der sich alle freudig unterordnen könnten, hierherzubringen und in unserer Mitte festzuhalten.

Vorerst aber mußte für den Fremden eine entsprechende Unterkunft geschaffen werden. Ihm ein Hotelzimmer anzubieten, wo über ihm, unter ihm, neben ihm lärmende Gäste mit Husten, Spucken, Schnarchen, mit Geplapper und Gepolter ihr Wesen trieben, das lehnte der Graf auf das Entschiedenste ab. Und alle Wohnungen, jede Kammer, jede Dachluke jetzt in der haute saison von Kurgästen und Sommerfrischlern besetzt!

Wer anders konnte da Rat schaffen, wenn nicht Pipin? Und Pipin rannte drei Tage lang von früh bis Abend die ganze Gegend ab; dann glaubte er seine Aufgabe gelöst zu haben. Am Abhang des Tressensteines, ganz einsam auf einer Lichtung im Wald, liegt ein kleines Gehöft, inmitten von Scheune und Stallung ein Bauernhaus mit einem weißgetünchten Vordertrakt und vielfach geflicktem Schindeldach. Dort hatte Pipin den Gast eingemietet, in der guten Stube des Hauses, in der das Gastbett der Bäuerin steht.

Eine noch junge Frau, abgemagert bis auf die Knochen und von jener mißfarbigen Blässe, die durch den Sonnenbrand in ein schmutziges Gelb verwandelt worden ist, begegnete uns im Flur. Ihre eingefallenen Wangen röteten sich ein wenig, als sie Pipin, der vor mir eingetreten war, erblickte. Ich sah zwei glühende, in tiefen Höhlen liegende Augen erwartungsvoll von ihm zu mir gehen. Aber gleich darauf erlosch diese belebte Miene in einem Ausdruck der Enttäuschung. »I han gemoant, der gnä' Herr bringt 'n schon mit«, sagte sie mit tonloser Stimme.

Pipin lachte. »Ja ja, so sind die Frauen!« versetzte er scherzhaft. »Zuerst haben Sie ihn durchaus nicht bei sich aufnehmen wollen, und jetzt können Sie seine Ankunft nicht erwarten.«