2. Juli 1893.
... denn in einen Kurort geschickt werden, hat immer etwas von einer Verbannung. Man wird herausgerissen aus der natürlichen Lebensform und in eine künstliche verpflanzt, in welcher der Müßiggang regiert. Man fühlt sich ausgeschaltet, unnütz, überflüssig.
Und daß ich hier ohne dich ausharren muß, macht das Gefühl des Verbanntseins noch lebhafter. Ohne dich nimmt das Leben für mich eine seltsame Kälte und Fremdheit an; es ist, als ob es alle Wärme und alles Licht von dir empfinge. Die Menschen und Dinge gleiten an mir vorbei, aber sie nähern sich mir nicht. Und so werde ich hier allein herumgehen und darüber nachdenken, wie öde die Welt ist ohne diese göttliche Zuflucht einer geliebten Seele. Ich werde allein herumgehen unter lauter Fremden, die da neben mir hinleben mit undurchdringlichen Stirnen wie mit geschlossenen Visieren, gleichgültig, höflich, nur mit sich selbst beschäftigt –.
Aber du hast recht: ich bin undankbar. Ich vergesse, daß Elmenreich da ist.
Ja, Elmenreich ist da. Er erwartete mich auf dem Bahnhof, als ich ankam; er hatte ein Bouquet Alpenrosen mitgebracht, um es mir zu überreichen. Ich glaube, daß er sich sogar über meine Ankunft freute. Und das Gesicht eines Freundes an einem fremden Orte ist auf alle Fälle ein lieber Empfang. Aber – je nun, Elmenreich ist der Mensch des Aber. Ich glaube fast, daß er es gewesen ist, der mich auf den Gedanken an die undurchdringlichen Stirnen und die geschlossenen Visiere brachte. Das scheint ihm gegenüber nicht am Platze zu sein; redet er denn nicht so viel, teilt er nicht alles mit, was ihm durch den Kopf geht –? Aber gerade sein vieles Reden macht ihn unerkennbar, kommt mir vor. Zum mindesten erscheint er mir in dieser fremden Umgebung nicht wie ein Altbekannter, wie ein Freund. Ich weiß nicht, warum: ich hatte auf einmal den Eindruck, als sei er ein anderer. Bei uns zu Hause, auf seinem gewohnten Platz, mit uns allein, ist er mir etwas Vertrautes, zu uns Gehöriges gewesen; hier fühlte ich plötzlich, wie wenig man einen Menschen kennt, den man immer nur in einer Situation gesehen hat ...
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Elmenreich begleitet mich auf meinem vorgeschriebenen Morgenspaziergang, obwohl er selbst nicht zum Kurgebrauch hier ist. Ich verstehe nicht ganz, warum er sich hier aufhält. Hört man ihn, so gewinnt man den Eindruck, daß ihm hier nichts behagt, am wenigsten die vielen Menschen, mit denen er fortwährend in Berührung kommt.
»Fremde Menschen – was für eine Plage! Sich selbst wieder in Szene setzen müssen! Sich aufspielen müssen vor diesen gleichgültigen Augen, deren Blick immer an der Oberfläche haften bleibt! Und dazu das Befremden über das wunderliche Wesen, das aus der stillen Intimität des eigenen Innern herausgestiegen kommt! Wie angenehm haben es doch die Leute, die sich immer so wohl fühlen in der eigenen Haut, daß sie niemals auf den Gedanken kommen, was für ein erstaunliches und rätselhaftes Ding dieses Ich im Grunde doch ist, dieses Ich, das da in unserem Körper agiert wie ein schlechter Schauspieler. Zu denken, daß es Menschen giebt, die noch nicht auseinandergefallen sind in Zuschauer und Schauspieler! Die immer ganz bei sich zu Hause sind, sich ganz identifizieren mit dem Spiritus familiaris, der die Maschine in Bewegung setzt. Weiß der Teufel: was mich betrifft, mein Zuschauer zischt seinen Schauspieler gewöhnlich aus. Er ist gewöhnlich nicht erbaut über das Auftreten dieses mittelmäßigen Künstlers. Und doch ergreift er, wenn's darauf ankommt, für ihn Partei gegen das Publikum in der Außenwelt, das ihn aus der Stimmung bringt. Uff! Wenn der Mechanismus des Innenlebens so kompliziert geworden ist, sollte man sich nicht mehr den Berührungen aussetzen, die mit der Geselligkeit verbunden sind. Man erleidet zu viele Störungen. Und man braucht einen unverhältnismäßigen Aufwand von Kraft, um sich wieder ins Gleichgewicht zu setzen ...«
Wir waren eine Stunde oder länger auf einem einsamen Waldweg gegangen; als wir auf den Promenadeweg einlenkten, kamen gerade die Kurgäste von ihrer Morgentour zurück. Es wimmelte nur so von Menschen. Und Elmenreich kannte jedermann, begrüßte jedermann, blieb mit jedermann fünf Minuten beisammen stehen.
»Diese vielen Begegnungen sind Ihnen gewiß lästig«, sagte ich. »Könnten wir nicht einen anderen Weg einschlagen?«