Als ich ihn fragte, ob er nicht auch glaube, daß die Gemeinschaft, die der Graf mit Pipin angeknüpft hat, nur auf eigennützige Absichten zurückzuführen sei, und daß Pipin in dieser Zeitungsgeschichte um sein Geld gebracht werden wird, versetzte er beinahe entrüstet:
»Da fragen Sie noch, gnädige Frau? Das ist doch selbstverständlich –!«
Und auf meinen Einwand, daß man doch versuchen müßte, diesen armen Pipin davor zu bewahren:
»Für einen Menschen wie Pipin ist es by all means eine Ehre, mit zwei relativ interessanten Persönlichkeiten, wie der Graf und Herr Wendl, zusammen zu sein. Und wenn er für diesen Umgang tüchtig zahlen muß, so ist das nur in Ordnung ...«
* * *
(Aus einem Briefe.)
7. September 1893.
... In der letzten Zeit hatte es den Anschein, als sollte Elmenreichs Herz über den gelben Zwerg – wie Dr. Kranich seinen Verstand nennt – triumphieren. Seit Eugenie ihre Gunst dem Grafen zugewendet hat, oder genauer gesagt, sich um die Gunst des Grafen bewirbt, hat er seine ablehnende Haltung aufgegeben. Während er sich früher sorgfältig von Eugenie fern gehalten und alle Gelegenheiten, mit ihr allein beisammen zu sein, vermieden hatte, heftete er sich jetzt an ihre Fersen, verfolgte sie auf Schritt und Tritt. Sogar in eine Tarockpartie mit dem Oberst hat er sich eingelassen – was beinahe mit einem Duell geendet hätte, da er so zerstreut spielte, und der Oberst in seinen Ausdrücken nicht sehr wählerisch ist, wenn es gilt, Vergehen wider den heiligen Geist des Kartenspiels zu rügen.
Elmenreichs Benehmen war freilich nicht das eines zärtlichen Verliebten; aber wenn man mit seiner Art und Weise vertraut ist, konnte man wohl aus seinen bitteren und stacheligen Reden die Erregung heraushören, die in ihm arbeitete. Ich weiß nicht, ob Eugenie verstand, daß er seinen Gefühlen dieses rauhe Gewand anziehen muß, um sich mit ihnen abzufinden; so oft ich sie und ihn beisammen sah, verfiel sie noch immer in jene Ratlosigkeit ihm gegenüber, die von den ersten Zeiten an die Schwäche ihrer Stellung bildete. Jetzt aber verbarg sie ihre Ratlosigkeit unter einer hochmütigen Gleichgiltigkeit – und, gespielt oder echt, diese Gleichgiltigkeit gab ihr eine viel größere Macht über ihn als ihre früheren Bemühungen, ihm zu gefallen. Damit hielt sie ihn beständig in Atem, damit lenkte sie diesen widerhaarigen Liebenden nach ihrem Willen, zwang ihn, sich zähneknirschend zu unterwerfen. Er hat wahrhaftig kein glückliches erotisches Temperament: Die Liebe ist bei ihm kein Aufblühen seines ganzen Wesens, keine freudige Verschmelzung der eigenen Person mit einem anderen Ich: sie ist ein wilder Kampf gegen das Eindringen einer fremden Gewalt, eine Empörung, eine Rebellion. Der gelbe Zwerg geberdet sich wie ein Rasender, verfällt in Krämpfe, schlägt alles nieder, was in seinen Bereich kommt. Dennoch unterlag er Schritt für Schritt. Elmenreichs Laune wurde im selben Verhältnis schlechter und schlechter – aber sie berechtigte zu der Erwartung, daß in dem Augenblick, als die Entscheidung gefallen war, ein jäher Umschlag eintreten müsse.
Nun, der Umschlag ist eingetreten, – fast gleichzeitig mit dem schönen Wetter – aber die Entscheidung ist ausgeblieben. Irgend etwas hat sich zwischen Elmenreich und Eugenie ereignet – niemand kann erraten, was. Mit einem Male hat er seine Ruhe und Sicherheit zurückgewonnen, geht mit spöttischer Höflichkeit an derjenigen vorüber, die noch kurz vorher nur in seiner Sehweite aufzutreten brauchte, um ihn in einen Zustand nervöser Unruhe zu versetzen. Der Fieberanfall ist wieder überstanden – auf einen äußeren Anlaß hin, oder durch eine innerliche Wandlung, wer weiß es? Treibt er bloß ein grausames Spiel mit ihr? Unterhielt er sich damit, bei ihr Hoffnungen zu erwecken, um in dem Augenblick, als sie darauf eingehen will, ihr hohnlachend den Rücken zu kehren? Ich bemühe mich vergeblich, einen Schlüssel zu finden; wieviel er auch redet, über seine wahren Empfindungen läßt er sich doch keine Andeutung entschlüpfen. Er geht mit einer selbstzufriedenen Miene herum, die er sonst nicht hat, mit der Miene eines Siegers, oder mindestens eines Menschen, der einer Gefahr glücklich entronnen ist. Diese Miene scheint zu sagen: mich kann man nicht täuschen; ich behalte immer Recht.