Er ergriff Elmenreichs Hand und sah ihn mit seinen lichtblauen Augen beweglich an. Unversehens fiel er ihm um den Hals.
Elmenreich machte sich von ihm frei. »Was sind das für Kindereien!« sagte er unwirsch. Und gleich beschleunigte er seine Schritte, und ging allein voraus.
Betrübt sah ihm Pipin nach. Als er aber bemerkte, daß Elmenreich in einiger Entfernung stehen blieb, um uns wieder herankommen zu lassen, sagte er ganz beglückt:
»Er wird doch nachgeben, glauben Sie nicht, gnädige Frau? Er hat ja ein so weiches Herz; deshalb ist er immer so grob.«
* * *
(Aus einem Briefe.)
5. September 1893.
... Es ist, als ob er die Menschen von innen heraus erleuchtet sähe, in strahlenden, feurigen Farben, wie seltene Blumen, deren Anblick das Herz höher schlagen macht. Und das versetzt ihn zuweilen in Anfälle der Entzückung, daß er mit nassen Augen herum geht und sich selig preist, daß er auf der Welt ist. In solchen Augenblicken scheint sich die verborgene Schönheit und unzugängliche Tiefe jeder Eigenart vor ihm aufzuthun und ihn zum Eingeweihten ihrer letzten Geheimnisse zu erheben. Dann begreift er alles mit liebreichem Verständnis, auch das ihm Entgegengesetzte, auch das ihm Feindliche – er betrachtet es durch ein anderes Medium als durch seinen bescheidenen Verstand, mit einer Helligkeit und Ueberlegenheit der Seele, die aus irgend einer unbekannten, besonderen Fähigkeit entspringt.
Wenn seine Psyche in ihren alltäglichen Zustand zurückfällt, wird allerdings wieder die Unzulänglichkeit seiner intellektuellen Mittel das Vorherrschende.
»Pipins maîtresse facultée ist die Dummheit«, sagte neulich Dr. Kranich; »ehren wir sie und lassen wir sie walten, wie es ihr gebührt.« Dr. Kranich hat etwas mit Pipin gemein: er betrachtet wie dieser alles, was geschieht, als gut – allerdings aus einer weniger liebevollen Grundstimmung der Seele. Als das regierende Weltprinzip erkennt er das Gesetz an, daß der Schwächere durch den Stärkeren aufgefressen wird: und weil es das Weltprinzip ist, bedeutet es für ihn das Recht nach göttlicher Ordnung. Daher spricht er diesen Grundsatz überall mit Offenheit, ja mit einer Art Unschuld aus.