Pipin unternimmt unermüdlich neue Angriffe auf die Festung Elmenreich. Als er heute abermals mit dem Zeitungsprojekt herausrückte, faßte ihn Elmenreich wieder einmal bei den Schultern und schüttelte ihn, als ob er ihn mit Gewalt aus einem Traume aufwecken wollte.
»Mensch, Mensch, so nehmen Sie doch Vernunft an! Wozu habe ich Ihnen denn kürzlich meine Meinung gesagt? Nützt denn gar nichts bei Ihnen?«
Pipin richtete sich mit Heiterkeit seinen Rock, den ihm Elmenreich halb ausgezogen hatte. Nun ja, Elmenreich habe neulich einige Witze über den Meister gemacht – aber er könne doch nicht annehmen, daß er, Pipin, auf ein paar gelungene Witze hin im Ernst von dem Meister und dem Grafen abfallen werde?
Und dann begann er gleich wieder, mit inständiger Beharrlichkeit in Elmenreich zu dringen, daß er »mitarbeiten« solle. Er war mehr denn je durchdrungen davon, daß etwas geschehen müsse, daß die Zeit gekommen sei, und wiederholte alles, was er mir darüber gesagt hatte, mit eindringlichem Nachdruck zu Elmenreich, ohne sich durch dessen unaufhörliche Unterbrechungen beirren zu lassen. Der geduldige Zuhörer Pipin hatte endlich selbst einmal das Wort an sich gerissen und behauptete es dem ungeberdigsten aller Zuhörer gegenüber durch die Gewalt seiner Ueberzeugung.
»Geschehen, geschehen, was soll denn geschehen?« schrie Elmenreich endlich erbittert. »Können Sie die Gesetze ändern, nach denen sich alles Geschehen unabänderlich vollzieht? Sehen Sie denn nicht ein, daß alles Geschehen bloß der Ausdruck für einen Zustand ist? Ja, die Welt ist schlecht und gemein – diese alte Wahrheit braucht gar keiner Bestätigungen mehr. Aber zu ändern giebt es da nichts. Ich werde Ihnen das an einem naheliegenden Exempel beweisen: wenn ein Mensch, der voll Güte und gutem Glauben ist, ausgenützt und mißbraucht wird, so ist das sehr häßlich und sehr traurig – aber er wird ausgenützt und mißbraucht, weil er wehrlos ist gerade durch seine Güte und seinen Glauben, sintemal die Menschen Raubtiere sind, die über den Wehrlosen herfallen und ihn auffressen. Dieses einfache Exempel schreiben Sie sich hinter die Ohren, Pipin, und geben Sie sich nicht dazu her, den verkappten Ehrgeiz anderer Personen mit Ihrem guten Geld und Ihrem guten Glauben zu bezahlen.«
»Aber wenn mich Ihr einfaches Exempel gar nicht überzeugt? Ich meinesteils kann nicht finden, daß die Menschen der Güte und Gläubigkeit ausgenützt und mißbraucht werden; warum sollte ich da annehmen, daß die Menschen im allgemeinen Raubtiere sind –?«
»So, Pipin? Sie sind also in Ihrem Leben noch nie ausgenützt, noch nie mißbraucht worden?«
»Ach Gott, mich meinen Sie mit Ihrem Exempel, Herr Doktor? Nun ja, es ist ein paarmal vorgekommen, daß mir hinterdrein Gedanken darüber aufgestiegen sind, ob ich in einer Sache nicht der Gefoppte war. Aber wenn auch – was liegt denn da dran? Sie sagen ja selbst, daß das schon einmal so ist und nicht zu ändern. Also giebt es in einem solchen Fall nichts, als sich mit Heiterkeit in das Unvermeidliche ergeben und sich denken, daß es auf ein paar Gauner und Gaunerstreiche mehr oder weniger nicht ankommt; deshalb bleibt die Welt doch voll von lieben, wunderbaren, großartigen Menschen –«
»Mna –«
»Und weil Sie schon mich als Exempel genommen haben: auf mich paßt es am allerwenigsten. Denn ich bin ja ein besonders bevorzugter Mensch, ein wahres Glückskind, dem lauter unverdiente Herrlichkeiten in den Schoß fallen. Muß denn mein Herz nicht übergehen vor Glück und Dankbarkeit, wenn ich sehe, wie ich unablässig von allen Seiten königlich beschenkt werde? Gleich zum Beispiel – Sie, Herr Doktor! Sie meinen es so gut mit mir, daß Sie sogar dem Grafen und dem Meister Unrecht thuen, weil Sie denken, die beiden könnten am Ende mit mir nicht ganz aufrichtig umgehen –«