In einer Regenpause ging ich heute mit ihm den Fußweg um den See. Der Weg ist beinahe einsam geworden, so viele Sommergäste hat das schlechte Wetter schon vertrieben. Alle Uebriggebliebenen benützen den ersten trockenen Augenblick, um wieder ihren Spaziergang anzutreten; Elmenreich findet noch genug Hände zu schütteln.
Auch Eugenie mit ihrer Stiefmutter kommt uns entgegen.
Es war an einer Stelle unweit des Ortes, wo der Weg eine ziemlich lange Strecke geradlinig fortläuft; man kann dort einen Kommenden schon von weitem erblicken. Auf einmal machten die beiden Damen kehrt und gingen ihren Weg wieder zurück. Nach einigen hundert Schritten bogen sie in einen Seitenweg ein, der dort mündet. Es war die ganz unzweideutige Ablehnung einer Begegnung.
Elmenreich hatte im ersten Moment seine Schritte beschleunigt; dann blieb er stehen und sah starr den Verschwindenden nach. Mit einem finster schmerzlichen Ausdruck schüttelte er ein paarmal den Kopf wie über etwas Unbegreifliches, für das es nach dem normalen Verlauf der Dinge keine Erklärung giebt. Es schien mir, als ginge ihm dieser kleine Zwischenfall sehr nahe, mehr noch, daß er ihm unverhältnismäßig wehe that.
Da es ganz vergeblich ist, zu seiner Seele im Augenblick der Empfindung einen Zugang zu suchen, begnügte ich mich, gleichfalls nur den Kopf zu schütteln. Aber selbst dieses Kopfschütteln war schon ein zu eigenmächtiger Eingriff in sein Erleben. Kaum bemerkte er es, da wurde seine Miene gleich beherrscht und kalt. Er lachte höhnisch auf.
»Sie sehen, gnädige Frau, ich bin in Ungnade gefallen! Das Fazit ist, daß man mich ausstreicht und sein Glück anderwärts versucht. Ist es der eine nicht, so ist es der andere. Fräulein Eugenie scheint übrigens eine Vorliebe für uneinnehmbare Festungen zu haben: je unzugänglicher man ist, desto erpichter wird sie. Sie gehört offenbar zu jenen Weibern, denen gegenüber man sich nach bekanntem Rezept mit einer Peitsche bewaffnen muß. Mna! Jetzt ist sie aber an die unrechte Adresse gekommen; da könnte sie höchstens reüssieren, wenn sie selbst die Peitsche in die Hand nähme. Pfui Teufel! So gar keinen Instinkt zu haben!«
In dieser lieblosen und geringschätzigen Weise redete er einige Minuten lang hastig, mit gezwungenem Lachen dazwischen. Dann verstummte er wieder, verlor sich in Gedanken, vergaß seine Miene, die in ihren früheren schmerzlichen Ausdruck zurückfiel. Endlich auffahrend:
»Verzeihen Sie, gnädige Frau: aber dieser langsame Schritt ist mir heute unerträglich. Manchmal hat man das Bedürfnis, sich ordentlich auszulaufen. Ich verabschiede mich – Sie verzeihen!«
Er ging in heftigem Tempo vorwärts, bis er die Abzweigung des Weges erreichte, welche die Entflohenen benützt hatten. Auf dieser Abzweigung verschwand auch Elmenreich wie mit Siebenmeilenstiefeln ...
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