Er murmelte unverständliche Worte vor sich hin. Und dann zu mir gewendet, blaß vor Erregung:

»Sehen Sie, das ist es, was ich an den Weibern verächtlich finde: diesen Mangel an Ehrgefühl, diese Unfähigkeit zu unterscheiden! Unglaublich! Sich so gewohnheitsmäßig anzubieten, ohne jede Empfindung dafür, was für ein Exemplar man vor sich hat! Es ist eine Schmach!«

Das sagte er halblaut in seinen Bart, unverwandt hinüberstarrend. Endlich stieß er seinen Sessel zurück, legte die Serviette mit einem Faustschlag auf den Tisch und ging hinüber.

Dort begrüßte er kurzangebunden die Damen, übersah den Grafen und setzte sich demonstrativ zwischen diesen und Eugenie. Das Gesicht des Grafen hellte sich auf, dasjenige Eugeniens verfinsterte sich.

Ich bemerkte zu Dr. Kranich, Elmenreich mache es wie die Hunde, die einen Bissen stehen lassen; aber wenn ein zweiter kommt, der danach schnappt, so wollen sie ihn doch selber haben.

»Stimmt nicht ganz«, antwortete Dr. Kranich lächelnd. »Denn hier ist kein zweiter Hund, der nach dem Bissen schnappt. Zum mindesten nicht der Graf.«

»Dann aber verstehe ich wirklich diese Eifersucht nicht.«

»Es ist auch nicht Eifersucht. Einer so simplen und primitiven Empfindung ist Elmenreich gar nicht fähig.«

»Wenn nicht Eifersucht, was ist es sonst?« Dr. Kranich zuckt die Achseln. »Giebt es nicht viele Empfindungen, für die wir noch keine Etikette besitzen? Der Fall Elmenreich scheint so zu liegen: Elmenreich hält diese junge Dame nicht für geeignet, die Würde seiner Frau zu bekleiden. Er achtet sie nicht. Néanmoins ist er verliebt in sie – und darum wird er immer wild, wenn sie etwas thut, was ihm besonders unwürdig erscheint. Denn seine Liebe möchte gar zu gern über seinen Verstand Herr werden, wie das so üblich ist bei der Liebe. Elmenreichs Verstand ist aber nicht unterzukriegen; er sitzt ihm auf dem Genick wie der gelbe Zwerg im Märchen, und Elmenreich muß dorthin laufen, wohin der befiehlt. Und weil der gelbe Zwerg um eine Nasenlänge über den Menschen Elmenreich hinausragt, so hält ihn dieser für ein höheres Wesen, und reicht ihm unterthänigst sein Herz zum Fraße hin. Manchmal aber will sich das Herz nicht gutwillig fressen lassen – und dann wird Elmenreichs Betragen eben »unverständlich«.

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