3. September 1893.

... Der Herbst verkündigt sich. Und er verkündigt sich hier wie der Frühling und der Sommer – durch Regen. Aber dieser Regen ist noch ausgiebiger, noch eindringlicher, noch hartnäckiger. Er fällt mit der eiligen Wucht eines Platzregens vom Himmel, zwei Tage, drei Tage, vier Tage, unausgesetzt, eintönig, hoffnungslos. Und kein Windstoß kommt zwischen den hohen Bergwänden herein; unbeweglich liegen die Wolken auf den Abhängen, und alles Wasser, das sie heruntergießen, steigt unverweilt aus den Wäldern wieder zu ihnen hinauf.

Der Wirt und die Kellner gehen mit Armensündermienen herum und entschuldigen sich von früh bis abends für dieses unverantwortliche Wetter. Stündlich sehen sie nach, ob es denn noch nicht schneien will. Denn »wenn's schneit, wird's schön«, und dann beginnt die große Herrlichkeit des Herbstes, das beständige Wetter, auf das sie die Gäste unermüdlich von Woche zu Woche vertröstet haben.

Aber jetzt ist der Zorn über den »ewigen Regen« nicht mehr zu beschwichtigen. Die Langeweile wächst und mit der langen Weile der Ueberdruß an den Genüssen des Landlebens. Alle Promenaden, alle Aussichtspunkte, alle Jausenstationen hat man unzählige Male abgegrast; was steht da noch Großes zu erwarten, wenn auch nächste Woche wieder schönes Wetter wäre? Und die Vorstellung der Stadt mit ihren Kaffeehäusern und Theatern, mit ihrem vielsagenden Lärm und ihrem geschäftigen Hinundher, das den Eindruck einer so wunderbaren Wichtigkeit in der Seele der Müßiggänger erzeugt, wird täglich unwiderstehlicher. Flucht, Flucht von allen Seiten. Der Speisesaal ist schon halb leer, und so still geht es zu, daß Elmenreich mit seiner lauten Stimme für sämtliche Anwesende spricht, sobald er eine Bemerkung macht. Er ist der Chorführer der Mißvergnügten; von Tisch zu Tisch steigert sich beim Eintreten sein Grimm über die unerhörten Unbilden der Witterung. »Morgen früh reise ich ab«, das ist sein stehendes Wort. Da er alle Anwesenden kennt und mit jedem dritten Menschen einen Händedruck wechselt, dauert es stets ziemlich lange, bis er in den Hafen unseres eigenen Tisches einläuft ...

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Im Speisesaal. Dr. Kranich zu Elmenreich, der eben seine Bekannten absolviert hat:

»Eine scheußliche Unsitte, dieser europäische shakehands-Verkehr! Man sieht, daß Sie noch robuste Nerven haben, Elmenreich, die gesegneten Nerven der früheren Generation! Alle diese heißen oder kalten, fetten oder knochigen, schwitzenden oder klebrigen Hände der Reihe nach in die meine zu bekommen – fi donc! In diesem Punkt halte ich es mit den Chinesen, die das Christentum ablehnen, weil die Missionäre ihnen gleichzeitig das Handgeben angewöhnen wollen.«

Statt zu antworten, starrte Elmenreich mit angespannter Aufmerksamkeit auf die Eingangsthür. Man sah durch die Scheiben eine Ansammlung von Regenschirmen und Regenmänteln, die sich eine Zeitlang draußen herumbewegten, ehe die Glasthür sich öffnete.

Dann trat Pipin mit Eugenie ein, hinterdrein die Stiefmutter an der Seite des Grafen. Sie ließen sich an einem Tische in einiger Entfernung von uns nieder. Der Graf schien sich verabschieden zu wollen, obwohl die Stiefmutter ihn mit ihrem zuthunlichsten Lachen zum Bleiben nötigte, und schon einen Stuhl zurechtrückte. Allein erst, nachdem Pipin sich ins Mittel gelegt hatte, setzte sich der Graf, zögernd und widerwillig, nieder. Mutter und Tochter bemühten sich fortwährend angelegentlich um ihn; Eugenie wurde beinahe lebhaft und ihre Augen leuchteten in erhöhtem Glanz, so oft sie sich auf das Gesicht des Grafen richteten.

Elmenreich hatte aufgehört zu essen. Sprachlos verfolgte er die Dinge, die da drüben geschahen, als seien es die seltsamsten und unerhörtesten Vorgänge.