Ganz still setzte sich der Beraubte in einen Winkel und sann, wie er wieder zu seinem Eigentum gelangen könne. Da er sich indes immer mehr und mehr überzeugte, daß er sich in der Person seines Räubers nicht irre, ging er heimlich zum Richter und teilte ihm den Vorfall mit. Alsbald wurden Häscher mit Spießen und Stangen zur Herberge geschickt, die das Haus umzingelten und den Verbrecher vor die Ratsversammlung führten. „Wer bist du?“ fragte der oberste Richter, „und von wannen kommst du?“
Darauf antwortete der Bursche ganz freimütig und unerschrocken: „Ich bin ein ehrlicher Schneider meines Handwerks und heiße Benedix.“
„Hast du nicht diesen Juden auf der Landstraße mörderisch überfallen und seines Geldes beraubt?“
„Ich habe diesen Mann nie zuvor mit Augen gesehen und ihn weder geschlagen, noch des Geldes beraubt; ich bin ein ehrlicher Handwerker und kein Straßenräuber.“
„Zeig einmal deine Kundschaft!“ (Das ist der Gesellenbrief eines Handwerkers.)
Benedix öffnete getrost das Wanderbündel, worin er seine Papiere verwahrt hatte. Doch wie er darin umhersuchte, klang es wie Gold. Alsbald griffen die Häscher danach und zogen den schweren Säckel heraus, den der erfreute Jude auch sogleich als sein Eigentum erkannte. Da stand Benedix wie vom Blitz zerschmettert, seine Knie zitterten und er ward bleich wie Kalk; kein Wort vermochte er zu seiner Rechtfertigung zu sagen.
„Bösewicht!“ sagte der Richter zornig, „willst du auch jetzt noch deine Schuld leugnen?“
„Erbarmen, gestrenger Herr!“ flehte der arme Gesell und fiel auf seine Knie. „Ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich unschuldig bin und von dem Raube nichts weiß.“
„Du bist überführt!“ antwortete jener. „Der gefundene Beutel spricht am deutlichsten für dein Verbrechen; bekenne nur freiwillig, ehe dich die Folter dazu zwingt.“ — Der geängstigte Benedix konnte aber nichts tun, als seine Unschuld wiederholt zu versichern; da aber Anstalten zur Tortur gemacht wurden und der arme Schneidergesell die Marterwerkzeuge erblickte, gestand er alles ein, obgleich sein Herz nichts davon wußte. Der Prozeß wurde nun kurz gemacht und Benedix zum Strange verurteilt.
Das Volk, das in der Gerichtsstube versammelt war, pries laut die Weisheit und die Gerechtigkeit der Richter; am meisten aber tat dies jener Bürgersmann, der den Juden befreit hatte und sich nun auch in der Versammlung befand. Das war aber, wie ihr wohl schon erraten haben werdet, kein anderer als Rübezahl, der das Gold des Juden heimlich in das Felleisen des Handwerksburschen versteckt hatte, um sich wegen des Spottnamens an ihm zu rächen.