So lange der Ritter daheim gewesen war, hatten seine Dörfler und Insassen ein glückliches Leben geführt, das ward nun aber bald anders. Vogt Lutz ließ die Ältesten aus den

Dörfern, die zur Burg gehörten, herbeirufen, und sagte ihnen, daß sie von nun an doppelt so viel Abgaben bezahlen und statt dreier Tage fünf in der Woche frohnen sollten. Damit wies er ihnen die Tür und hörte ihre Gegenvorstellungen gar nicht einmal an. Nun merkten die Landleute erst, welch ein böser Mensch der Vogt sei, der während der Anwesenheit des Ritters nur immer den Katzenbuckel gezeigt hatte. Als sie daher vors Burgtor kamen, sahen sie sich mit trüben Mienen an, schüttelten sich die Hände und trennten sich mit schwerem Herzen, um die schlimme Kunde den anderen mitzuteilen. Da gab es viele Klagen bei den Weibern, bei den Männern viel Grimm und Zorn; aber sie wollten fürs erste ruhig abwarten, was da kommen würde.

Als sie, wie früher, drei Tage gefrohnt hatten, glaubten sie, daß sie nun ihrer Pflicht Genüge getan hätten und bestellten am vierten Tage ihre eigenen Felder. Da kam um die Mittagsstunde der Vogt Lutz mit einem Schwarm gewappneter Knechte in die Dörfer und trieb die Bauern mit Schwertstreichen auf die Äcker, welche zur Burg gehörten. Er drohte ihnen auch mit schwerer Strafe, wenn er sie nochmals ungehorsam fände, und als die Bauern die Urkunde zu sehen verlangten, daß ihr Herr so Ungerechtes von ihnen begehre, hob er sein Schwert und sagte: „Seht, hier ist Brief und Siegel genug für euch!“

So mußten denn die Bauern ihre Felder vernachlässigen, und was sie befürchteten, traf bald genug ein, sie konnten ihre früheren Abgaben nicht mehr entrichten, viel weniger die neu auferlegten. Da gingen die Ältesten zu dem Vogt und baten ihn auf den Knien, daß er das harte Gebot doch zurücknehmen möchte. Aber Lutz jagte sie mit Peitschenhieben aus der Burg,

und es war jämmerlich anzusehen, als die Greise mit ihren silberweißen Haaren so hart geschlagen wurden. Und als die Bauern dennoch das unbarmherzige Gebot nicht erfüllen konnten und der Termin kam, ohne daß sie Geld hatten, ließ der harte Lutz ihr Vieh wegnehmen, um sich daraus bezahlt zu machen. Da vergaß sich ein junger Bauer und stieß böse Reden gegen den Vogt aus; dieser aber ließ ihn sogleich von seinen Knechten umringen und an den Schweif seines Rosses festbinden; so ward er zur Burg geschleift und dort in ein finsteres Verließ geworfen, auf dessen Boden es von Kröten und giftigem Gewürm wimmelte.

Im Dorfe aber wehklagten die Bauern, und am meisten jammerte Anna, die Braut des jungen Landmannes, der die Rache des Vogtes auf sich gezogen hatte. Sie lief weinend in

den Wald, und niemand konnte sie trösten. Da begegnete ihr ein hoher Rittersmann, der vom Kopfe bis zum Fuße in glänzenden Stahl gehüllt war. Anna erschrak vor der unerwarteten Erscheinung, als aber der Ritter, sein Visier aufschlug und sie sein edles, männliches Gesicht sah, welches sie freundlich anblickte, da faßte sie Mut. „Was weinst du, mein Kind?“ fragte der Ritter mit einer so wohltönenden Stimme, daß Anna davon wunderbar ergriffen wurde. Sie öffnet dem Fremden ihr ganzes Herz voller Zutrauen, indem sie ihm die Geschichte mit dem Vogte von Anfang bis zu Ende erzählte. Aufmerksam hörte ihr der Ritter zu und gebot ihr dann, die Ältesten aus den Dörfern herbeizurufen, die er an der Kapelle vor der Burg erwarten wolle.

Anna vollzog eilig sein Gebot, und ehe die Sanduhr zweimal gewendet war, fanden sich die Gerufenen an der bezeichneten Stelle zusammen. „Liebe Väter,“ redete sie der stahlgepanzerte Ritter an, „ich habe von dem Unrecht gehört, daß euch der böse Lutz zugefügt, und da ich ein fahrender Ritter bin, der überall gegen das Unrecht kämpft und seinen Schutz den Bedrängten angedeihen läßt, so will ich auch euch in eurer gerechten Sache beistehen. Geht, ruft alle Männer zusammen, daß ich sie führe und die Burg des Vogtes stürme.“ — Woher mochte es kommen, daß die besonnenen Greise allzugleich Vertrauen zu dem fremden Ritter faßten? Es war ihnen, als könne es gar nicht anders sein, als daß sie ihm Folge leisten müßten, und sie eilten in die Dörfer zurück, um den Vorschlag des Ritters kundzumachen. Da griff alt und jung zu den Waffen, waren es gleich nur Stangen und Heugabeln, und damit eilten sie zu der Kapelle, wo der Ritter ihrer wartete. Keiner, der nur einen Prügel schwingen konnte, war zurückgeblieben.