Zuweilen aber maßte sich ihr unbekannter Spielgefährte das Richteramt über sie an, wenn kleine Streitigkeiten zwischen ihnen vorkamen, und wer im Unrecht war, der konnte sich immer darauf gefaßt machen, einige derbe Hiebe von dem Grünmantel zu bekommen, ohne das dieser ein Wort dabei sprach. Oft verjagte er die ganze Knabenschar bis auf Konrad, für den er ein ganz besonderes Wohlwollen zeigte; er nahm alsdann diesen bei der Hand und führte ihn zwischen Klippen und Felsen zu überraschenden Punkten hin, zeigte ihm auch goldene Münzen im Sande, mit denen Konrad auch gern spielte, sie aber achtlos wieder verlor. Die vielen Wunderlichkeiten des Grünmantels verscheuchten nach und nach die kleinen Burschen von ihrem Spielplatze, und nur Konrad ließ sich nicht abhalten, immer wieder dahin zurückzukehren.
Es war auch nicht einsam dort, denn nun fehlte der Grünmantel selten und fing jetzt an mit dem Knaben zu sprechen, was er nie zuvor getan hatte. Er wußte allerlei hübsche Geschichten zu erzählen und beschenkte seinen kleinen Freund oft mit Goldstücken, wogegen er sich das Versprechen der tiefsten Verschwiegenheit über alles dies geben ließ.
Konrad dachte: dabei kann ja nichts Unrechtes sein, und versprach dem Grünmantel mit Hand und Mund, er wolle es nie einem Menschen sagen, daß er mit ihm zusammentreffe und so schönes Spielzeug von ihm bekomme. Und er hielt auch treulich Wort, denn er fürchtete, seinen lieben Spielgefährten sonst zu verlieren. So verging Sommer und Herbst in Lust und Freude; allein nun kam der Winter, und der tiefe Schnee verwehrte dem Knaben, seinen Freund auf dem Berge zu besuchen.
In dieser Zeit erkrankte auch Konrads Vater, und der Schäfer des Dorfes gab wenig Hoffnung, daß es mit ihm noch einmal besser werden würde. Einen Arzt anzunehmen, war Erdmann zu arm, und so wankte er denn seinem frühen Grabe zu. Natürlich war an Verdienst nicht mehr zu denken, und es fehlte oft selbst an den schmalen Bissen, die Vater und Sohn zu ihrem Unterhalte bedurften. Wie leicht hätte Konrad aller Not ein Ende machen können, wenn er den Wert seiner goldenen Spielpfennige gekannt hätte und vor seinem Vater keine Heimlichkeiten gehabt hätte.
So mußte, als alles andere verzehrt war, auch noch die Ziege verkauft werden, die Konrad so lieb hatte; wie traurig war der arme Knabe, als er sie am Strick nach dem nächsten Dorfe führen mußte, um sie dort zu verkaufen. Da begegnete ihm ein alter Mann, der ein Gespräch mit ihm anfing, und als er hörte, daß Konrad die Ziege verkaufen wollte, gab er ihm ein Goldstück dafür und wollte mit der Ziege seines Weges ziehen. Als aber der Knabe das Goldstück in der Hand hielt, schüttelte er den Kopf und sagte: „Guter Mann, solcher blanken Dinger habe ich viele zu Hause, dafür kann man aber nichts kaufen, die sind nur zum Spielen. Nehmt es also nur wieder zurück und gebt mir Silbergeld dafür.“
„Kleiner Tor!“ lachte der Mann, „mache einmal die Probe, was mehr gilt; hier hast du einen Silbergroschen und hier das Goldstück, lauf’ ins Dorf und siehe, wofür du das meiste Brot bekommen wirst. Ich will hier auf dich warten.“
Konrad gehorchte, ließ seine Ziege dem Fremden und ging ins Dorf zu einem Manne, der ehrlich genug war, ihn mit dem vollen Werte des Goldstückes bekannt zu machen und ihm nun allerlei Bedürfnisse für das Haus einkaufen zu helfen Damit kehrte Konrad wohlbehalten zurück, fand aber den fremden alten Mann nicht mehr wieder und eilte nun zu seinem Vater.
An der Schwelle des Hauses sprang ihm seine liebe Ziege lustig entgegen. „Ein Fremder,“ sagte der Vater, „hat sie mir heimgebracht; er habe sie im Walde gefunden, sagte er.“ Darüber erstaunte Konrad nicht wenig und erzählte nun auch sein Abenteuer mit dem fremden, alten Manne. Von dem übrigen Gelde und den eingekauften Lebensmitteln konnten nun Vater und Sohn länger als eine Woche zehren und dankten Gott dafür, daß er ihnen eine so wunderbare Hilfe geschickt hatte.
Aber die nahrhaftere Kost, die Konrad für den Kranken herbeigeschafft hatte, schadete diesem und mehrte seinen Fieberzustand so sehr, daß es schien, als, sei sein Tod nahe. Es kamen nun einige seiner Bekannten aus dem Dorfe, um ihm in den letzten Augenblicken beizustehen; darunter war auch der Mann, welcher dem kleinen Konrad das Goldstück eingewechselt hatte. Der sagte zu dem weinenden Knaben: „Gehe hinaus in die frische Luft, dein Vater wird schon wieder gesund werden, und wenn nicht, will ich dein Vater sein!“
Traurig ging Konrad hinaus und richtete seinen Fuß nach dem bekannten Berge, wo er sonst so oft seinen lieben Grünmantel