»Sehr gut,« antwortete sie, »es war immer mein liebstes.« – »Das läßt sich denken,« bemerkte ich, »wie sieht die Fee aus, sie ist wohl wunderschön?« – »Ich denke, wie Ida ungefähr,« sagte sie munter in den Scherz eingehend, »ein schöneres Mädchengesicht als Ida's kann ich mir so leicht nicht vorstellen; ich freue mich recht, daß Sie sie malen wollen.«

»Haben Sie Ida ganz besonders lieb?« forschte ich weiter.

»Die Schwestern sind mir Alle gleich lieb,« entgegnete sie, »ich möchte sie Alle gern gemalt haben, wenn's eine aber doch nur sein soll, so muß es die Schönste sein.«

»Sie lieben also das Schöne sehr?«

»Sehr,« wiederholte sie, »ganz außerordentlich.«

»Bei so viel Schönheitssinn,« behauptete ich, »muß ich Talente voraussetzen, die Sie neidisch verstecken, gewiß malen Sie ausgezeichnet, oder componiren oder dergleichen.«

»Nichts von Allem,« entgegnete sie, »ich kann nur bewundern und lieben, aber sehr wenig leisten.« – »Bewundern, lieben und die Fehler Anderer wieder gut machen,« sagte ich unwillkürlich, und wieder fiel mir Aschenbrödel ein. »Sie müssen mir entschieden zu einem Bilde sitzen, ich lasse Ihnen keine Ruhe anders,« kündigte ich ihr an; sie lächelte aber und meinte: erst solle ich nur Ida malen, dann könne das Weitere besprochen werden. Thut sie's, so wird diese Aschenbrödel ein süßes Bild. Ich gebe ihr etwas mehr Farbe, die ihrige ist fast zu zart, und lasse sie das herabflatternde Täubchen mit den erstaunten, fast erschrockenen Wunderaugen begrüßen, die sie so manchmal auf uns richtet, wenn ihr etwas Unerwartetes passirt, oder ich lasse sie vor der Fee stehn, und diese Augen mit dem Ausdrucke der Bewunderung auf sie heften, den ich schon manchmal mit einem zärtlichen Gefühle belauscht habe. Die Fee kann dann Ida sein, weil sie es gesagt hat, sie wird mit ihrer vollendeten Gestalt und den tadellosen Zügen prächtig werden. – Sieh' Schwesterchen, so habe ich schon wieder eine Freude im Voraus, ich begreife nicht, wie man das Leben langweilig finden kann, wie z. B. Waldemar es thut, von dem ich erst kürzlich eine lange Jeremiade über die Nüchternheit des menschlichen Lebens aus Berlin erhalten habe.

Nun will ich meinen langen Brief absenden und nur noch für den Deinigen danken. Ja, Julchen ist mir auch sehr theuer geworden, und ich werde sie öfter besuchen. Lebe wohl!

Dein Bruder Justus.

Den 5. December.