»Fühl in des Thrones Glanz,« sie sangen mit ganzer Seele, die Mädchen, ich mußte einstimmen, was gings mich an, wenn die Nachbarn etwa ihre Bemerkungen darüber machten, es war ja Patriotismus – »Die hohe Wonne ganz, Liebling des Volks zu sein, Heil Liebling Dir!«

Meine Einmischung hatte all die Oehrchen da drinnen gespitzt, Berga errieth, und sang sich gerade bei der letzten Zeile aus der Hausthür heraus.

»König heißt es!« rief sie corrigirend, und sang, an meinem Arme hängend, und meine Variationen noch einmal berichtigend: »Heil König Dir!« als ich eben mit höflichem Gruße in der Versammlung der Sängerinnen erschien. Cäcilie nickte mir freundlich zu, ließ sich aber nicht stören, der Gesang nahm ununterbrochen seinen Fortgang.

»Was wollen Sie denn eigentlich?« fragte mich Julchen, als wir Beide auf dem Sopha saßen. »Mich ruhen, erholen.« – »Glaubten Sie hier Ruhe finden zu können?« – »Ruhe und Frieden,« antwortete ich und sah ihr voll in die Augen. Sie lächelte und nickte mit dem Kopfe. »Ja,« sagte sie dann, »es ist ein großer Unterschied darin, den Lustbarkeiten Erwachsener sich hinzugeben oder den Spielen der Kinder zuzusehen; ich bin auch sehr gern unter Kindern.« –

Dieses alte Mädchen hat ein sehr feines Verständniß, aber wenn ich einmal ein Geheimniß habe, soll sie es theilen.

Nach dem Vortrage diverser Lieder tanzten die Kinder; Cäcilie spielte mit einer Geduld, welche die meinige ermüdete, endlich erbot sich ein liebenswürdiges Kind sie abzulösen, und sie setzte sich in unsere Nähe. Nun könnte ich sie vielleicht tanzen sehn, dachte ich, oder gar selbst mit ihr tanzen, sie wird aber ein rundes Nein bei der Hand haben, das will ich doch nicht so schnell riskiren. Da kam Burga und bat sie, und sie tanzte, nun versuchte ich mein Glück auch, und sie gab mir die kleine Hand ganz willig. Sie tanzte noch lieblicher, als ich es mir vorgestellt hatte, leise, leise, sinnig, lache nicht! – sinnig, wiederhole ich – sie thut nichts als in dieser holden Weise. Da war keine Hast, kein innerer Sturm, der sie trieb, keine Eitelkeit, die sich geltend machen wollte, sie hörte Musik und bewegte sich harmonisch, das war es; ich, auf dessen Arm sie sich lehnte, der ihr Führer hätte dabei sein sollen, konnte nicht anders als sie. Nie hatte ich so getanzt! –

Nun tanzte sie nicht mehr, sie schlug es verschiedenen Kindern ab, ich wagte es nicht, sie noch einmal zu bitten. Julchen lobte sie deshalb, sie scheint sie für schwach zu halten. –

Nach einiger Zeit wurde Pause gemacht und Erfrischungen gereicht, Cäcilie war die Vielbeschäftigte; ich hatte was ich wollte, und ging nach dem Rathhaussaale zurück, fühlte mich aber nicht sehr zum Tanz mehr aufgelegt und sah zu, bis der Cottillon kam, den Ida mir zugesagt hatte. Er dauerte sehr lange, und es schlug bereits vier Uhr als der Pförtner mich zum Schlosse herein ließ. –

Heut war hier nun eine hübsche Nachfeier, die Armen wurden in den Laubengängen gespeist, und die Gräfin sah selbst mit ihren fröhlichen Augen überall hin, ob auch Jeder sein Recht bekomme. Es ist rührend zu denken, was Alles und wie so ein Frauenherz lieben kann. Spricht diese Frau von Mann und Kind, oder ruht nur ihr Auge auf ihnen, so ist es Einem, als füllten diese Geliebten ihre Seele ganz aus. Wer sie gestern zum ersten Male gesehen hätte, oder überhaupt während die Anstalten zum Feste gemacht wurden, der würde den Monarchen beneiden, dessen Namenstag mit so inniger Freude begrüßt wurde, wie von dieser Frau. Ihr Töchterchen lehrt sie beten für »den theuren König«, den Kindern in der Schule spricht sie, wie man sagt, begeistert von seiner väterlichen Treue, ihren Gatten und Sohn nennt sie mit Stolz Diener ihres königlichen Herrn. Heute flammte wieder der heilige Liebesstrahl in ihren Augen, und für die Armen, die ihr nichts Liebes erwiesen, die in ihrem innern und äußern Mangel so himmelweit verschieden von ihr sind. Erbarmen habe ich auch für diese Menschen – wozu sage ich übrigens was du weißt und sich von selbst versteht, – aber solches Gefühl ist mir fremd. Ich mußte sie oft betrachten. Ob sie es fühlte, weiß ich nicht, und wenn's der Fall war, dann muß ich ihr doppelt dankbar sein; einmal als ich in ihrer Nähe stand, sagte sie: »Wie glücklich bin ich heut, mehr als glücklich! Immer muß ich an die schönen lieben Segensworte denken: »Alles was ihr gethan habt Einem dieser Geringsten« – ihr Auge wurde feucht, und sie brach ab, aber ganz leise hörte ich neben ihr die Worte flüstern: »das habt ihr mir gethan.« Es war Johanne, ihr kleines Abbild, welches den Vers so andächtig ausbetete. Die Mutter küßte sie und sah mich mit einem strahlenden Blicke an. Ihr Glaube macht sie selig.

Nachmittags ging ich zu Bernwachts, mich nach ihrem Befinden zu erkundigen. Die Alten waren im Garten, wo neue Anlagen vorbereitet wurden, Therese und Ida hielten Nachmittagsruhe und Cäcilie saß im stillen Zimmer und brachte Ida's Florkleid wieder in Ordnung, welches mit den Sporen des jungen Vaterlandsvertheidigers in unangenehme Berührung gekommen war. Ich setzte mich ein wenig zu ihr hin und fragte sie, ob sie das Märchen von Aschenbrödel kenne.