Am andern Morgen ertheilte ich meine Befehle als Laubkommissarius, wie Burga mich betitelte, und gegen zehn Uhr waren die Wege in schönster Ordnung, geharkt und gefegt, und als die Gäste durch den Thiergarten fuhren, war kein einziger Barfüßer mehr zu sehn. – Um drei Uhr war großes Diner, es dauerte mehrere Stunden, und ich habe mich unter dem fremden hohen Adel weder gelangweilt noch gekränkt gefühlt, freilich war das auch nicht zu befürchten, da die Gäste, außer einigen Herren aus der Stadt, aus Freunden unserer gräflichen Familie bestanden, die ihnen natürlich geistesverwandt sein müssen. Einige Unruhe fühlte ich gegen Ende der langen Sitzung dennoch, ich dachte an das, was noch kommen sollte, besonders an den Ball auf dem Rathhause; endlich erhob man sich, ich war frei, und wollte eben aus der Thür schlüpfen, als ich den Blicken der Gräfin begegnete. Sie winkte. »Sie gehen zu Ball,« sprach sie huldreich, »und sprechen vorher bei Bernwachts ein, wollen Sie den Kindern nicht etwas Confect mitnehmen? Sie werden sich sehr dadurch insinuiren.« – Ich ließ mir das nicht zweimal sagen, füllte einen Teller mit feinen Süßigkeiten an, nahm ihn ungenirt nach außen, schlug dort die ganze Bescherung in einen Bogen weißen Papiers und steckte das ansehnliche Paquet in die Rocktasche. Nun gings in Sätzen den Schloßberg hinunter – an der Toilette war nichts mehr zu ändern – dem bürgermeisterlichen Hause zu. Man war natürlich noch nicht fort, denn der Papa mußte erst kommen, und der war bei meinem Abgange noch in ein Gespräch mit dem Landrathe vertieft, auch wollte man erst die Illumination sehen, denn bei dem schönen Wetter drohte dem Putze keine Gefahr, man hatte es früher auch schon gethan, und war ganz entschlossen. Ida in rosa Flor sah entzückend aus, sie hatte weiße Rosen im Haar und Perlen um Hals und Arme geschlungen. Als sie mir entgegen kam, blieb ich wie geblendet stehen, und hielt die Hand über die Augen. Sie lachte anmuthig und sagte: »Nicht wahr, ich bin wundervoll?« – »Wundervoll!« echote ich. »Süperb?« – »Süperb!« Lachend gab sie Theresen die Hand und länderte durch das Zimmer. Sie kam mir reizender vor als je. Therese war weiß gekleidet; sie wäre vielleicht ebenso gern zu Hause geblieben, ihr Bräutigam war nicht da. – Cäcilie kam mit einem Schlüsselbunde zum Vorschein und trug mächtige Körbe mit Aepfeln und Wallnüssen, das erinnerte mich an meine gespickte Tasche, und Burga und Berga empfingen überglücklich die Sendung der Gräfin. Darauf kam die Nachricht: die Erleuchtung sei im Gange, der Papa brachte sie selber, ich half den Damen sich einzuhüllen und nun gingen wir Alle dem Thiergarten zu.

»Papa und Mama müssen unsere Lootsen sein,« meinte Berga.

»Ja,« wiederholte die Andere, »es ist gewiß« – »Schweig!« gebot Ida, »wir wissen allemal im Voraus, was die Zweite von Euch zu sagen hat, macht nicht so viel unnütze Worte.« –

Die Kleinen hüpften zu Cäcilien, hakten unter und somit war ich auf die beiden Balldamen angewiesen, die denn auch geruhten mich zum Führer anzunehmen. –

Oft habe ich Illuminationen gesehn, die diese einfache bei weitem überstrahlten, aber keine erschien mir so lieblich, kindlich möchte ich sagen, wie diese, und keine habe ich in so angenehmer Gesellschaft betrachtet. In den schönen Alleen wogte es nur so von Menschen, und alle waren mehr oder weniger von dem schönen Schauspiele entzückt. So schön war es noch nie gewesen, das hörten wir wenigstens zehnmal.

»Das sagen sie alle Jahre,« bemerkte Ida.

»Nein,« widersprach eine der naseweisen Kleinen; »Cäcilie sagt es selbst, so lieb ist es nie gewesen.« – Ich sah mich nach dem Dreiblatt um. »Es ist heut Abend wunderschön,« lächelte das kleine blasse, süße Gesicht. – »Ich denke lieb?« fragte ich. – »Ja, recht lieb.« –

Nun wurden die Transparente sichtbar, und ich erntete indirect überreichlichen Lohn für meine kleine, gern übernommene Mühe. Es war an der Stelle, von welcher man sie am besten sehen konnte, ein förmliches Gedränge. Ida wurde sehr unwillig, ihr Anzug verdürbe auf diese Weise ganz, sie müsse nur allein gehen und auszuweichen suchen; ich verbeugte mich und ließ sie gehen. Bald darauf sah sich auch Cäcilie treulos verlassen, die kleinen Schwestern waren zur Mutter gestürmt, um ihr etwas Nothwendiges über die Eindrücke zu sagen, welche dies Alles auf sie hervorgebracht hatte, sie stand ganz allein da und vertiefte ihre Augen in die Tausende von Sternen, die sich mit einem Male auf den schönen Wald niedergelassen hatten. »Wir müssen die junge Dame nur unter unsern Schutz nehmen,« flüsterte ich Theresen zu, und bot Cäcilien meinen Arm an, aber – sie dankte! Sie dankte recht sehr, ich möchte es aber – aber nicht übel nehmen. –

Ich nahm's ihr dennoch übel. –

Nach einer guten halben Stunde eröffnete Ida an der Seite eines jungen Militairs den Ball, und man tanzte, tanzte und tanzte, das ist die Geschichte des Balles. Aber außerhalb des Balles trug sich an diesem Abende noch Etwas zu. Von Bedeutung? magst du fragen – je nun, ich meine fast. Sieh, als ich die beiden Schwestern durch den Saal schweben sah, – sie sind Beide sehr graciös – fiel mir plötzlich Cäcilie, die kleine Unergründliche, ein. Ich dachte: wie sie wohl tanzen würde, gewiß hinreißender wie die Salome vor Zeiten, denn sie hat eine feenhafte kleine Gestalt, und schwebt überhaupt mehr als sie geht. Und, dachte ich weiter, was sie nun wohl treibt, und ob ihr Zuhausebleiben vom Ball wohl wirklich Geschmackssache war oder ein pietistisches Opfer, ob sie zu Hause wohl den Kopf ein wenig hängen läßt, und dachte so lange an dergleichen, bis ich mit einer Art Freude, die mir ganz neu war, mich daran erinnerte, daß mich ja nichts verhindere sie aufzusuchen, daß ich ja überhaupt so frei sei wie der Vogel in der Luft. Der Mantel wurde umgeworfen und bald war ich da. Am Fenster blieb ich lauschend stehn, lauter Gesang hoher Diskantstimmen schallte mir entgegen: »Heil Dir im Siegeskranz, Herrscher des Vaterlands!« – eine schöne sanfte, aber sichere Altstimme führte das Steuer. Die zusammengezogenen Gardinen waren nicht allzu dicht, ich konnte vortrefflich hindurchschauen, da saß sie am Claviere und dirigirte; Burga und Berga mit wenigstens einem Dutzend künftiger Schönheiten standen ringsum und sangen nach Möglichkeit, Julchen Hermann, mit dem Ausdrucke innigster Freude, daneben.